Draghis Zweifel Haben die Notenbanken die Kontrolle über die Inflation verloren?

Mario Draghi. Foto: Getty Images

Mario Draghi. Foto: Getty Images

// //

Nicht einmal sechs Monate nach dem Beginn des Programms, das - wie der Präsident der Europäischen Zentralbank versprach - die Verbraucherpreise wieder in die Höhe treiben würde, steht der Euroraum vor dem Hintergrund der chinesischen Konjunkturerlahmung und des Zusammenbruchs der Rohstoffpreise erneut unter disinflationärem Druck. Möglicherweise wird Draghi in dieser Woche gezwungen sein, das einzuräumen und die Inflationsprognosen der Europäischen Zentralbank zu senken.
Die jüngsten Gefahren für die Preisentwicklung unterstreichen einmal mehr, dass im Euroraum - ebenso wie in den USA, in Großbritannien und in anderen Industrieländern - die Inflationsrate immer noch deutlich unterhalb der Zielwerte liegt und dass sie immer weniger im Einklang mit der Konjunkturerholung steht. Ob das zur Folge hat, dass Forderungen nach einer Ausweitung des EZB-Programms zur quantitativen Lockerung über die geplanten 1,1 Billionen Euro hinaus lauter werden, hängt davon ab, wie Draghi die komplexen ökonomischen Zusammenhänge kommuniziert.
Die Leute glauben, dass „Zentralbanken die Inflation nicht mehr im Griff haben, aber das stimmt nicht“, sagte Jon Faust, Wirtschaftsprofessor an der John Hopkins Universität, in einem Interview beim Jahrestreffen der Kansas City Fed in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming. „Die Inflation wird zurückkommen; allerdings ist die genaue Bestimmung des Zeitpunkts dafür im derzeitigen Umfeld viel schwieriger.“ Im Juni sagte die EZB voraus, dass die Preise im Euroraum unter der Voraussetzung, dass ihr QE-Programm in vollem Umfang umgesetzt wird, im kommenden Jahr um durchschnittlich 1,5 Prozent und 2017 um 1,8 Prozent steigen werden. Damit würde man sich dem Ziel, die Teuerungsrate auf mittlere Sicht knapp unter zwei Prozent zu halten, wieder annähern.
Die derzeitigen widrigen Umstände könnten allerdings dazu führen, dass die Inflationsrate wieder sinkt, was das Erreichen der Prognose erschweren würde. Im August ist der Preisauftrieb, aufs Jahr gerechnet, vermutlich auf 0,1 Prozent zurückgegangen, ergibt sich aus einer Bloomberg-Umfrage unter Volkswirten. Die Statistikbehörde der Europäischen Union in Luxemburg veröffentlicht die Daten an diesem Montag Vormittag. Der EZB-Rat tritt am Mittwoch in Frankfurt zusammen, um über die Geldpolitik zu beraten; am nächsten Tag stellt Draghi auf einer Pressekonferenz, wie in jedem Quartal, die Prognosen der Notenbank für die künftige wirtschaftliche Entwicklung vor. Vertreter der Notenbank, darunter auch ihr Chefvolkswirt Peter Praet, sagten in der vergangenen Woche, die EZB sei, wenn nötig, bereit zu einer weiteren Lockerung. Denkbar sei etwa eine Verlängerung oder Ausweitung von QE. „Die makroökonomischen Prognosen der EZB dürften eine Abwärtskorrektur der Inflationserwartungen sowohl für 2015 als auch für 2016 bringen - eine Auswirkung des stärkeren Euro und der schwächeren Ölterminkontrakte“, schrieb Philippe Gudin, leitender Ökonom bei Barclays Plc in Paris, am 28. August in einer Kurzstudie. „Wir rechnen damit, dass vor Jahresende weitere Lockerungsmaßnahmen angekündigt werden.“