EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Quelle: AFP/Getty Images

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Quelle: AFP/Getty Images

Finanzexperten begrüßen Leitzinserhöhung

Es kam wie erwartet: Der EZB-Rat unter dem Vorsitz von Jean-Claude Trichet beschloss, den Leitzins um 0,25 Punkte von 1,0 auf 1,25 Prozent zu erhöhen. Das ist die erste geldpolitische Straffung seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008.

„Negative Realzinsen sind in Zeiten des Wirtschaftsaufschwungs nicht mehr angemessen“

„Ein richtiger Schritt zur Einleitung einer geldpolitischen Wende“, kommentierte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Heinrich Haasis, die heutige EZB-Entscheidung. Die Leitzinserhöhung habe eine fällige Normalisierung der Zinsbedingungen auf den Weg gebracht.

Energie-, Rohstoff- und Lebensmittelpreise hätten zuletzt zu einem für die Bürger zunehmend spürbar werdenden Preisauftrieb geführt. Diese Preissteigerungen hätten zwar bislang hauptsächlich realwirtschaftliche Gründe. Ohne geldpolitische Maßnahmen, die dem Aufkommen von Inflationserwartungen entgegen wirken, könne es jedoch mittelfristig zu einer Geldentwertung kommen.

„Negative Realzinsen waren in Zeiten der Finanzkrise und Rezession durchaus sinnvoll. Jetzt sind sie der inzwischen in weiten Teilen der Währungsunion gut erholten Situation nicht mehr angemessen“, erklärt Haasis. Gerade Deutschland könne die Erhöhung angesichts guter Auftrags- und Ertragslage in den Unternehmen gut verkraften.

Zur Erklärung: Von negativen Realzinsen spricht man, wenn das Zinsniveau tiefer liegt als Inflationsrate. Dann verlieren Anleger Geld, obwohl sie es verzinsen lassen.

„Notenbanken erhöhen erst dann die Zinsen, wenn sich ein Konjunkturaufschwung deutlich abzeichnet“

Dennis Nacken, Senior Analyst Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors, erwartet einen Aufschwung auf den Aktien- und Rohstoffmärkten. „Die Aktienmärkte geben bei Zinserhöhungen meistens kurzfristig nach. Aber unsere Untersuchungen zeigen, dass in den letzten 40 Jahren die Aktienmärkte in den 12 Monaten nach einer Leitzinserhöhung eine deutlich positive Performance gezeigt haben.“ Noch besser sei in diesem Zeitraum die Entwicklung der Rohstoffmärkte gelaufen, die in den 12 Monaten nach einer ersten Leitzinserhöhung um durchschnittlich mehr als 20 Prozent zulegten.

Eine mögliche Erklärung für den positiven Zusammenhang von erster Leitzinserhöhung und steigenden Aktien- und Rohstoffnotierungen sieht Nacken im Verhalten der Notenbanken. „Sie erhöhen erst dann die Zinsen, wenn sich ein Konjunkturaufschwung deutlicher abzeichnet und die Nachfrage nach Konsumgütern und Rohstoffen wieder spürbar steigt.“

„Langfristige Preisstabilität soll das Maß aller Dinge bleiben“

Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland der Unicredit-Gruppe sieht den Euro als den größten Gewinner der Zinserhöhung. „Die Entscheidung der EZB, jetzt die Zinswende einzuleiten, ist sicherlich vor dem Hintergrund einer anziehenden Inflation zu sehen“, so Rees. Sie sei aber auch ein klares Signal an die Politik, weiterhin unabhängig agieren zu wollen. „Die langfristige Preisstabilität soll das Maß aller Dinge bleiben und nicht etwa Rettungsmaßnahmen in der Schuldenkrise“.

„Für Krisen-Staaten ist eine Zinserhöhung das Letzte, was sie gebrauchen können“

Zu den Verlierern der Leitzinserhöhung gehören indes europäische Krisen-Staaten wie Portugal, Griechenland und Irland. „Angesichts der weitreichenden Haushaltskonsolidierungen, die in diesen Ländern eingeleitet worden sind – oder unmittelbar anstehen – ist eine Zinserhöhung wohl das Letzte, was diese Volkswirtschaften nun gebrauchen können“, erklärt Stewart Robertson, Chefvolkswirt Europa bei Aviva Investors. Schließlich werde es für sie noch schwieriger, an bezahlbare Kredite zu kommen.

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