Oliver Lepold (Freier Autor)Lesedauer: 5 Minuten

Interview mit Wirtschaftsprofessor „Finanzberater haben in den 90er-Jahren viel Vertrauen verloren“

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Stichwort Digitalisierung. Die Branche hat nun Robo Advisor – wie sind diese aus ethischer Sicht zu bewerten?

Finanzberater gibt es ja nicht zuletzt deswegen, weil es vielen Kunden wichtig ist, mit einer Person zu sprechen, die ihre Interessen versteht und mit der sie reden können; man vertraut bei diesen Dingen Menschen oft mehr als Maschinen. Generell glaube ich, dass sich die Branche differenzieren wird: Bei etlichen Geschäften wird Fintech dominant werden, bei anderen die persönliche Beratung. Umso mehr würde ich den Bogen zurückschlagen: Menschliche Berater werden auf Dauer nur erfolgreich beraten können, wenn sie die die Vertrauenswürdigkeit – das wichtigste Asset – mitbringen. Das ist für einen Robo Advisor schwer zu erreichen.

Wie signalisiert man Kunden am besten, dass man ein vertrauenswürdiger Berater ist?

Bei einer Umfrage auf den MLP Financial Powertagen habe ich 250 Beratern verschiedene Kriterien zur Wahl gestellt. Die höchsten Zustimmungswerte hatten Transparenz, gefolgt von Referenzen. Für mich zeigt das den Wunsch, nachvollziehen zu können, ob sich der Berater und sein Unternehmen über längere Zeit verlässlich an die Standards gehalten hat. Es gilt: Je weniger leicht etwas durch unseriöse Anbieter zu imitieren ist, desto härter und besser ist das Kriterium.

Ethik ist also nicht oktroyierbar – etwa durch Gesetze oder Zwänge?

Sie können einen Rahmen mit unterstützenden Bedingungen geben. Das können auch harte Regeln sein, bei den Banken etwa Eigenkapitalquoten oder das Verbot mancher Produkte, TÜV-Tests und so weiter. Man kann das vorschreiben, und eine gewisse Verlässlichkeit wird sich einstellen. Aber was sie nicht vorschreiben können, ist das Spielverständnis, also die Einstellung der Menschen oder der Unternehmen. Wie gehen sie an das Spiel heran – mit der opportunistischen Einstellung „Hit and run“ oder im Verständnis der verlässlichen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil?

Ethik ist letztlich also auch eine Charakterfrage. Ziehen Finanzberufe bestimmte Charaktere an?

In kriminellen Branchen finden sie genau diejenigen, die eine bestimmte Ethik nicht haben, sonst könnten sie ja genau dort nicht agieren. Ich würde aber definitiv nicht sagen, dass die Finanzbranche eine solche ist. Sie finden dort das gleiche Spektrum wie auch in der Politik oder in der Wissenschaft: sie finden einige hochanständige Menschen, wenige Schurken und eine große Mitte ganz normaler Menschen, die eigentlich anständig sind, aber Kompromisse machen und dabei manchmal rote Linien überschreiten. Jede Branche hat ihre Druckpunkte und ihre Verführungen. In der Finanzbranche gibt es eben einige sehr typische Konflikte und da hängt es sehr stark vom Unternehmen ab, wie sie damit umgehen und welches Spielverständnis sie fördern.

Wird die Bedeutung der Ethik in der Finanzbranche seit 2008 mehr und mehr erkannt?

Jein. Viele Marktteilnehmer tun sich meiner Ansicht nach bis heute schwer, das Konzept Ethik zu erfassen und zu verstehen, was es wirklich bedeutet. Es bleibt oftmals abstrakt. Doch eigentlich ist es sehr konkret, denn es geht darum, Regeln und Versprechen einzuhalten als Grundlage vertrauensvoller Zusammenarbeit. Die heutigen Finanzberatungsunternehmen haben den Ruf aus den 90er-Jahren geerbt, wo man als unqualifizierter Berater mit unethischem Verhalten sehr viel Geld verdienen konnte. Damals ging viel Vertrauen verloren. In diesen Vermögenswert muss man investieren, heute vielleicht mehr denn je.

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