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Social-Distancing-Maßnahmen im Presseraum des Weißen Hauses: Das US-Gesundheitssystem wird sehr rasch an seine Grenzen stoßen. | © imago images / MediaPunch Foto: imago images / MediaPunch

Markteinschätzung von Martin Lück

Jetzt defensivere Sektoren bevorzugen

Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie bei Blackrock

Die Dinge verändern sich schnell, fast stündlich kommen Updates zur Lage. Die Menschen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens können sich der neuen, vom Coronavirus aufgezwungenen Realität nicht entziehen. Viele Arbeitnehmer sind ins Homeoffice gewechselt. Aber auch Finanzmarkteilnehmer haben ihr Verhalten angepasst: Konfuser Aktivismus an den Märkten – rasch tief Gefallens kaufen, dann noch schneller wieder verkaufen – scheint einer rationaleren Betrachtung zu weichen. Die Marktteilnehmer fragen sich: Was kommt als nächstes? Wo ist der Boden? Wie tief wird die Rezession und wie lange wird sie dauern?

Auch Behörden wie die Zentralbanken und Finanzministerien sind in der Realität angekommen: Die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank (Fed) wollen riesige Kaufprogramme stemmen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit scheint EZB-Chefin Christine Lagarde in die Schuhe ihres Vorgänger Mario Draghi hineinzuwachsen.

In den USA prescht die Trump-Administration vor, denn der US-Präsident will am 3. November wiedergewählt werden. Nachdem Donald Trump anfänglich die Gefahr des Virus unterschätzte, haben seine Berater ihn überzeugt rasch zu handeln, bevor es zu spät ist. So sollen in einem gigantischen Hilfsprogramm 1,2 Billionen US-Dollar bereitgestellt werden. Doch die Demokraten sperren sich – sie mutmaßen zu viel Entlastung für Unternehmen und zu wenig Hilfe für den Bürger.

Auch die deutsche Bundesregierung hat ein beispielloses Paket geschnürt, im Schnellverfahren ist es am 23. März durchs Kabinett gegangen. Es handelt sich ebenfalls um ein riesiges Programm mit einem Umfang von 156 Milliarden, das selbst ein so nüchterner Mensch wie der Bundesfinanzminister Olaf Scholz „Bazooka“ nennt. Was steckt drin? Das Paket sieht 50 Milliarden Direkthilfe für kleine Unternehmen vor. 3 Milliarden sind für die rasche, verbesserte Ausstattung von Krankenhäusern vorgesehen. 100 Milliarden sollen als Beteiligungen an Unternehmen fließen, um deren Schließung zu verhindern. Das Hilfspaket kommt in einer Größenordnung von 4 Prozent des jährlichen BIPs von Deutschland daher – nach sechs Jahren ohne neue Schulden muss dafür die schwarze Null im Bundeshaushalt fallen: Die Schuldenbremse ist ausgehebelt.

Zudem wurde ein Rettungsfonds in Höhe von 400 Milliarden Euro aufgelegt. Er sieht Kreditgarantien vor und soll Absicherungen für Unternehmen, die dringend Geld brauchen, bereitstellen. Finanz- und wirtschaftspolitische Soforthilfe ist also auf dem Weg. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass die Maßnahmen, so weitgehend sie auch sind, eine Rezession verhindern können.

Weiterhin bedrohliche Lage

Wo stehen wir derzeit in der Corona-Krise? Ziehen wir dazu den Vergleich zur vergangenen Woche. Aus Italien wurden in der letzten Woche 25.000 Infizierte und 1.800 Tote gemeldet. Aktuell beläuft sich die Infektionszahl in Italien auf 64.000 Infizierte und über 6.000 Tote. Im Vergleich dazu werden in Deutschland aktuell mehr als 29.000 Infizierte gezählt, 123 Tote sind zu beklagen. Auch in Spanien sieht die Lage bedrohlich aus. Für Deutschland ist ein derart eskalierendes Szenario nicht auszuschließen. Große Unsicherheit ergibt sich aus den USA: Hier wurde der pandemische Charakter des Coronavirus lange unterschätzt. Offensichtlich ist, dass die Epidemie von Ost nach West wandert: Aus China über den Nahen Osten nach Europa und weiter in die USA. Jeder Tag zählt. Rund um die Welt gilt es jetzt, die Kurve der Fallzahlen abzuflachen, um die Gesundheitssysteme nicht zu überlasten.

Interessant dabei: 80 Prozent der Fallzahlen-Rückgänge in China wurden durch Social Distancing erreicht. Regelmäßiges Händewaschen senkt die Fallzahlen Studien zufolge nur um 15 Prozent.

Doch Social Distancing lässt sich in Deutschland vollumfänglich nicht so leicht umsetzen. Ausgangssperren sollen in Deutschland aus drei Gründen noch vermieden werden: Erstens sind sie schwierig zu überwachen und tragen den für Pluralismus gewohnte Deutsche unangenehmen Charakter eines drakonisch durchgreifenden Staates. Außerdem warnen Mediziner vor der psychischen Belastung der Menschen: Es kann gut sein, dass sich durch lange anhaltende Ausgangssperren bei vielen Menschen Depressionen herausbilden. Drittens fragt sich, wie lange  Ausgangssperren aufrecht erhalten werden sollen. Werden sie zu rasch gelockert, kann die Fallzahlen-Kurve rasch wieder nach oben drehen. Müssen Ausgangssperren also unter Umständen solange aufrechterhalten werden, bis das Virus ausgerottet oder ein Impfstoff entwickelt worden ist?

Wie schlimm wird es?

Volkswirte versuchen derzeit, die Tiefe der Rezession auszuloten: Makroschätzungen gehen davon aus, dass es schlimmer als nach der Lehmann-Pleite werden dürfte. Die Bundesregierung geht davon aus, dass Deutschlands BIP auf das Gesamtjahr 2020 gesehen um 5 Prozent zurückgeht. Die geld- und fiskalpolitische Bazooka in der Eurozone mindert die ökonomischen Folgen; dennoch wird das BIP zunächst abstürzen. Die Arbeitslosigkeit wird steigen, bei den Banken dürfte eine Pleitewelle einsetzen – eine kraftvolle Geld- und Fiskalpolitik ist daher unabdingbar.

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