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Martin Lück (Gastautor)Lesedauer: 6 Minuten
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Markteinschätzung von Martin Lück Jetzt defensivere Sektoren bevorzugen

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Niemand kann derzeit abschätzen, wie stark die Volkswirtschaften in Mitleidenschaft gezogen werden. Schätzungen der UBS zufolge ist Chinas Industrieproduktion zwar wieder bei 80 Prozent des Vorkrisenstands angelangt, doch der auf das Gesamtjahr gerechnete Einbruch des BIP tut weh: Die UBS hat das chinesische BIP für 2020 auf 1,5 Prozent herunterrevidiert; bislang wurde von 6 Prozent ausgegangen. Ein ganz ähnliches Szenario dürfte sich in den USA einstellen: Volkswirte der Bank MorganStanley erwarten einen BIP-Absturz für die USA von 30 Prozent im zweiten Quartal.

Ein großer Teil der weggebrochenen Industrieproduktion dürfte sich beim Ausklingen der Krise aufholen lassen, dennoch dürften die BIP-Zahlen rund um die Welt drastisch einbrechen.

Trumps Wiederwahl dürfte vom Tisch sein

Um die künftige weltwirtschaftliche Entwicklung einzuschätzen, ist es wichtig, den Verlauf der Pandemie im Blick zu behalten. Bei günstigem Verlauf kann die Produktion schnell wieder hochgefahren werden. Entscheidend ist, dass die Gesundheitssysteme nicht überfordert werden dürfen. In China, wo rasch aus dem ganzen Land medizinisches Personal in die besonders betroffene Provinz Hubei geschickt wurde, beträgt die durchschnittliche Todesrate nur 0,5 Prozent. In Italien liegt die Todesrate hingegen beim Zehnfachen. Offensichtlich ist: Es muss gelingen, das Gesundheitssystem zu schützen. In Deutschland mit seinen mehr als 29.000 Infizierten und 123 Toten scheint das Gesundheitssystem noch nicht überfordert zu sein, das kann sich aber rasch ändern, alles ist möglich.

Die USA haben das Schlimmste noch vor sich. Hier wurde zunächst viel zu wenig getestet. 254.000 Tests wurden bislang vorgenommen, 35.000 Infizierte wurden erfasst. Bei 326 Millionen Einwohnern dürfte hier noch viel Luft für einen Anstieg der Fallzahlen sein. Bestürzend dabei: Das US-Gesundheitssystem wird sehr rasch an seine Grenzen stoßen. In der Intensivmedizin werden viel zu wenig Plätze vorgehalten. In den USA werden voraussichtlich sehr viele Menschen sterben. Viele Unternehmen werden schweren wirtschaftlichen Schaden nehmen, wobei in den USA erschwerend hinzukommt, dass 70 Prozent des BIP vom privaten Konsum abhängen, dessen größter Teil wiederum Dienstleistungen ausmacht. Der Druck auf die Politik wird deshalb stark zunehmen. Trump wird die Präsidentschaftswahl im Herbst voraussichtlich verlieren. Gerade mit Blick auf die USA bleibt es für Anleger daher brenzlig.

Mildes Eskalationsszenario weiterhin am wahrscheinlichsten

Im vorangegangenen Beitrag hatte ich drei Szenarien skizziert. Das Status-quo-Szenario dürfte mit den rasant zunehmenden Fallzahlen in den USA erledigt sein. Das dramatische Eskalationsszenario  mit einem jahrelangen Bärenmarkt bleibt jedoch weiterhin relativ unwahrscheinlich. Absehbar ist, dass auf Sicht der nächsten Monate allmählich die Normalität zurückkehrt.

Deshalb ist zum jetzigen Zeitpunkt das milde Eskalationsszenario am wahrscheinlichsten. Dafür darf allerdings zum einen keine Überforderung der Gesundheitssysteme eintreten. Sollten durch die zu erwartende Lockerung bei den Regelungen für soziale Kontakte die Infektionszahlen wieder nach oben gehen, dürften angesichts der neuen Unsicherheit die Aktienmärkte weitere 10 bis 20 Prozent nachgeben.

Kommt es im milden Eskalationsszenario zum anderen über den Sommer zum Lockdown, entsteht schwerer Schaden für die Wirtschaft. Die Aktienmärkte dürften dann für mehrere Monate unter hoher Volatilität weiter fallen. Es dürfte dann nochmals mehr als 20 Prozent nach unten gehen.

Erst in der zweiten Jahreshälfte wird sich zeigen, wohin die Reise geht. Binnen 18 bis 24 Monaten dürfte sich die Weltwirtschaft wieder erholt haben. Wir sind derzeit nicht wirklich bullish, aber auch nicht komplett negativ eingestellt. Anleger sollten ihre Risikopositionierung jetzt durchhalten. Verkäufe, um beim schwierigen Bottomfishing mitzumachen, sind nicht ratsam. Vielmehr sollten sich Anleger derzeit mit Umstrukturierungen des Portfolios hin zu defensiveren Sektoren breit absichern.

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