Themen-Experte
Märkte verstehen, Chancen nutzen

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Donald Trump bei einer Pressekonferenz zum Corona-Virus: Noch gibt es Hoffnung, dass ein dramatisches Eskalationsszenario ausbleibt. | © imago images / ZUMA Wire Foto: imago images / ZUMA Wire

Corona-Krise

Drei Szenarien für die Märkte

Kaum vorstellbar, was in der zurückliegenden Woche passiert ist. Es zeigt sich: Die ersten Szenarien, die die Marktteilnehmer entwickelten, waren viel zu konstruktiv. Wir sollten uns jetzt keinen falschen Illusionen hingeben, wie tief die Krise reichen dürfte. Allerdings sollten wir jetzt auch nicht in Weltuntergangsszenarien denken – wir müssen uns der Situation stellen.

Absehbar ist schon jetzt: Eine Rezession ist unausweichlich. Fraglich bleibt, wie tief sie sein wird. Ein Verlust von 20 Prozent im Dax innerhalb nur einiger weniger Tage weist darauf hin, wie stark der Verlust sein kann. Die schlechte Nachricht: Noch ist der Boden nicht erreicht. Im Gegensatz zu früheren Krisen, etwa der Finanzkrise 2008/09 und der Eurokrise 2011/12, scheint die Geldpolitik nicht zu helfen: Maßnahmen, die in die richtige Richtung gehen, zeigen keine Wirkung. Sie werden vom Markt abgelehnt. Daher verpuffen gewaltige Fed-Maßnahmen am europäischen Markt. Deutschland macht auf der Grundlage der Erfahrungen aus der Finanzkrise derzeit den beherztesten Versuch, sich gegen den Abschwung zu stemmen.

Die Szenarien der Marktteilnehmer reichen jetzt von schlecht bis ganz desaströs. Ich halte folgende drei Szenarien für möglich:

Status-quo-Szenario

Es wird nicht schlechter und nicht besser. Die Länder Italien und Spanien sind im Lockdown und stehen still. In anderen von der Krise betroffenen Ländern läuft es wie in Deutschland und Frankreich. Sollte es nicht notwendig werden, einen Lockdown zu verkünden, sehen wir keine dramatische Verschlechterung. Sollte sich auch in den USA die Lage nicht verschlechtern, bliebe der Schaden überschaubar. Um eine globale Rezession kommen wir jedoch nicht herum, weil die jüngst gemeldeten China-Zahlen heftig ausgefallen sind. Wir gehen daher von einer tiefen, aber kurzen Rezession weltweit aus. Wir dürften relativ nahe am Tiefpunkt dieses kurzen heftigen Bärenmarkts sein. Anleger können sich jetzt langsam wieder ins Risiko hineintasten. Der Markt dürfte sehr bald den Silberstreif am Horizont einpreisen.

Mildes Eskalationsszenario

Dieses Szenario ist das wahrscheinlichste: Die Infektionszahlen steigen in Deutschland und den USA weiter. Die USA haben spät angefangen zu testen, deshalb ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Verschlechtert sich die Lage über die nächste Zeit, ist absehbar, dass massive Maßnahmen ergriffen werden, um die Zahl der Neuinfektionen zu senken. Aber ein kompletter Lockdown würde positive Folgen haben. Denn 28 Millionen Menschen in den USA haben keine Krankenversicherung. Viele werden den Test meiden. Dadurch dürfte der „Corona-Fallout“ in den USA stark zunehmen – eine tiefe und lange Rezession und damit ein entsprechend langer Bärenmarkt ist zu erwarten. Vor dem skizzierten Hintergrund würden wir in den kommenden ein bis zwei Monaten fallende Kurse sehen. An und ab werden sich für Anleger Gelegenheiten zum Bottomfishing bieten. Wie sollten sich Anleger positionieren? Ganz wichtig ist die Risikoreduzierung. Die Aktienquote muss dabei nicht unbedingt herunterfahren werden, sondern eine breite Diversifizierung ist nötig. Defensive Sektoren sind hierbei zu bevorzugen. Darüber hinaus dürften Minimum Volatility-Strategien Chancen bieten, denn zuletzt war die Volatilität mehr als fünfmal so hoch wie in den vergangenen Jahren.

Dramatisches Eskalationsszenario

Dieses Szenario ist jetzt noch nicht das Wahrscheinlichste. Es spricht aber nichts dagegen, dass es tatsächlich eintreten könnte. Bei diesem Szenario ist mit einem kompletten Lockdown in Deutschland zu rechnen, wie es Italien und Spanien vormachen. Diese Maßnahmen dürften dann auch Frankreich und die USA ergreifen. Die Einschläge kommen bereits näher: Los Angeles hat jüngst verfügt, alle Restaurants zu schließen. Dieser Trend könnte sich in den USA fortsetzen, insbesondere dann, wenn die Infektionszahlen viel höher sind, als bekannt.

Es würde ein ökonomischer Stillstand in großen Teilen der Welt mit jahrelangem Bärenmarkt folgen. Daraufhin würde die Globalisierung überdacht werden. Wertschöpfungsketten würden repatriiert und vorrangig Anlagen der pharmazeutischen Industrie aus China und Indien zurückgeholt werden. Es könnte sein, dass die Globalisierung, die in den vergangenen 20 Jahren für wirtschaftlichen Erfolg und Prosperität gesorgt hat, zurückgedreht wird. Im Augenblick erscheint das Szenario 3 wahrscheinlicher als das erste Szenario.

Wie sollten sich Anleger positionieren? Wichtig ist ein „Risk off“-Ansatz, der auf den zu erwartenden längeren Bärenmarkt reagiert. Hohe Cashquoten sind zu halten, Income-Strategien sind aussichtsreich. Auch gegenüber alternativen Anlagen können sich Anleger stärker exponieren.

Die Marktteilnehmer müssen sich im Szenario 3 auf schlechte Zahlen einstellen. Die Aktienmärkte gehen weiter runter. Es gibt keinen Präzedenzfall für die aktuelle Lage. Lehman Brothers ist kein Vergleich. Es dürfte dieses Mal voraussichtlich schlimmer als bei Lehman Brothers und 2008/09 werden. Es besteht eine völlig anders geartete Rezessionsgefahr. Dieses Mal entstehen nicht nur Bedrohungen für Geld, Vermögen und Wohlstand, sondern es gibt eine reale Bedrohung für das nackte Leben.

Es gibt Hoffnung

Meine Hoffnung ist, dass die Szenarien 1 und 2 eintreten. Im Frühsommer oder im Sommer könnte sich der Markt erholen. Erholt sich der Markt, erholt er sich radikal und sehr heftig. Social Distancing könnte die Infektionswelle verlangsamen. Das Gesundheitssystem lernt, mit der Krise umzugehen. Viele werden sich anstecken; wir müssen lernen mit dem Virus zu leben. Die zweite Hoffnung: Der Frühling ist nicht nur gut für das Gemüt, sondern auch gut für das Abbremsen des Virus bei Temperaturen von 27 bis 28 Grad. Zwar gibt es hier unterschiedliche wissenschaftliche Angaben, aber wenn Wärme hilft, gibt es Hoffnung, dass es nach Ostern wieder aufwärts geht.

Nicht zuletzt ist ein Impfstoff möglicherweise näher als wir denken. Der Streit um den Tübinger Biopharmazeutik-Hersteller CureVac ist ein entsprechender Indikator. Trump will seine Wiederwahl sichern und hat sich persönlich in dem Tauziehen um die Firma eingesetzt. Schon in der zweiten Jahreshälfte dürfte es einen Impfstoff geben. Aus Marktsicht gesprochen, könnten die Aktien ihre Allzeithochs vielleicht schon in einem halben Jahr wieder erreichen und dann zügig überschreiten. Die Welt geht nicht unter. Wir stehen vor einer großen Belastungsprobe für Gesellschaft und Märkte, aber es gibt Gründe konstruktiv nach vorne zu schauen.

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