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Technologiemesse in Peking: Nicht nur in Robotik und Biotechnologie gibt China mächtig Gas; der dortige Strukturwandel bildet einen Nährboden für neue Wachstumsfelder und Anlagenpotenziale. Foto: Getty Images

Schwellenländer

Welche Branchen durch den Marktumbau Chinas gewinnen

Winnie Kwan, Portfoliomanagerin bei Capital Group

Größter Absatzmarkt für Pkws, mächtigster Auftraggeber für Infrastrukturprojekte, stärkster Rohstoff-Importeur und Energieverbraucher: China ist in den vergangenen Jahrzehnten zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Zwischen 1978 und 2014 verzeichnete diese ein jährliches Wachstum von durchschnittlich 10 Prozent.

Zwar hat das Reich der Mitte seit der Finanzkrise 2008/09 am stärksten zum globalen Wachstum beigetragen. Aber im dritten Quartal 2019 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) für chinesische Verhältnisse schwach, um 6 Prozentpunkte, gewachsen. Das entspricht dem niedrigsten Anstieg seit 27 Jahren.

Chinas Wirtschaft macht eine schwierige Transformation durch

Für das rückläufige Wachstum gibt es mehrere Gründe: Neben dem US-chinesischen Handelskonflikt und einer schwächelnden Binnennachfrage stößt vor allem das exportorientierte Wirtschaftsmodell Chinas an seine Grenzen. Über Jahre hatten sich chinesische Unternehmen auf die Produktion arbeitsintensiver Konsumgüter spezialisiert. Doch die dafür notwendigen Absatzpotenziale an den globalen Märkten sind fast ausgeschöpft.

Wegen des zunehmenden Fachkräftemangels sind die Lohnkosten auch in China deutlich gestiegen. Dies hat die Kostenvorteile der Exportwirtschaft verringert. Viele Anleger zweifeln sogar daran, ob China nicht ein Risiko für Anlagen darstellt. Außerdem fragen sich Investoren zu Recht, wie die Unsicherheit auf die Aktienkurse wirkt und ob der Markt diese Entwicklung bereits eingepreist hat.

Den größten Einfluss auf globale Anlagen hat der Handelsstreit mit den USA. Unternehmen haben ihre Investitionen insbesondere im Automobilbereich, bei Investitionsgütern und bei Halbleitern hinausgeschoben. Geschadet hat der Konflikt vor allem Firmen in Deutschland und Japan – im Speziellen neben dem Investitionsgüter- und Automobilbereich der Chemieindustrie.

In den Schwellenländern ist indes eine Erholung bei den freien Mitteln absehbar. Auch sind Gewinne je Aktie, vergleichbar mit dem Niveau in den USA, zu verzeichnen. Doch trotz dieser Verbesserungen halten geopolitische Unsicherheiten die Aktienkurse weiterhin zurück.

Neue Chancen für global agierende Unternehmen

„Warum sollten wir aktiv werden, wenn ausgeprägte Unsicherheiten bestehen?“, dürften sich zahlreiche Anleger jetzt fragen. Deren Aussichten, in den nächsten ein bis drei Jahren ihre Portfolios zu positionieren, könnten jedoch gerade jetzt chancenreich sein. Multinationale Unternehmen, die sich im In- und Export mit China bisher zurückgehalten haben, könnten jetzt nicht nur in China, sondern auch in weiteren Schwellenländern, profitieren: Weil sich die globale „Nahrungskette“ im verarbeitenden Gewerbe verschiebt, hatte China die Endmontage einiger Produkte bereits vor zehn Jahren teilweise in andere Schwellenländer Asiens verlagert. Der Lohndruck war zu stark geworden.

Mittlerweile sichern Unternehmen in China nicht nur Risiken anders als bisher ab. Sie verlegen sich auch verstärkt auf die Herstellung von Bauteilen. Die Endmontage ins asiatische Ausland zu verlagern gehört weiterhin zum guten Ton. So können Hersteller nicht nur ihre Wertschöpfung optimieren, sondern auch besser mit Zöllen umgehen. Zudem erhalten neue Branchen mehr Wachstumschancen. Vor allem für langfristig engagierte Anleger bietet sich jetzt die Gelegenheit, in potenzielle Gewinner dieser Entwicklung zu investieren.

Chinas Biotech-Sektor profitiert am stärksten vom Handelsstreit

Eindeutiger Gewinner der Transformation Chinas ist sein neuer Biotechnologie-Sektor. Durch zunehmende Talentströme aus den USA zurück ins Land profitieren weite Bereiche der chinesischen Binnenwirtschaft – übrigens eine Begleiterscheinung des US-chinesischen Handelskonflikts: Die von US-Präsident Donald Trump und seinem Handelsbeauftragten Robert Lighthizer verfolgte Agenda wird langfristig Chinas Wirtschaft stärken. Sie sorgt für mehr Marktkräfte und Wettbewerb.

Damit ändert sich auch die chinesische Wirtschaftsstruktur: Der anhaltende Druck von außen dürfte dafür sorgen, dass China seinen Schwerpunkt auf Dienstleistungen und Inlandskonsum verlagern wird – ein Nährboden für neue Wachstumsfelder, nachwachsende Marktführer, Branchen und letztlich neue Potenziale für Anleger.

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