Klaus Möller (Gastautor), Michael Franke (Gastautor)Lesedauer: 6 Minuten

Defino-Chef zum Umgang mit DIN 77230 „Normen nicht im eigenen Interesse zurechtbiegen“

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Nach einer Studie von Ernst & Young aus dem Jahre 2016 haben die meisten Menschen in Deutschland inzwischen eine gute Meinung von der Qualifikation ihrer Finanzberater. Das Problem: Nur 26 Prozent vertrauen darauf, dass sie „unvoreingenommen“ beraten werden, dass ihre Berater die Kundeninteressen vor ihre eigenen oder die Interessen ihrer Institute stellen.

Dem will die DIN-Norm 77230 entgegenwirken. Eine Finanzanalyse nach der Norm ist über jeden Zweifel erhaben, eine Rutsche in vom Berater oder Unternehmen präferierte Produktklassen zu sein. Sie stellt unbestechlich die Kundenfragen und -interessen in den Vordergrund. Das hebt sie in der Glaubwürdigkeit über alle noch so guten Unternehmens- oder Verbands-internen Analysen, die regelmäßig zu Recht unter Generalverdacht stehen.

Missbrauch wirft die Branche zurück

Diesen Vorsprung genießt eine normkonforme Analyse freilich nur, wenn sie auch präzise und vollständig die Norm abbildet. Die DIN-Norm 77230 formuliert in ihrer Einleitung für sich selbst den Anspruch der Objektivierbarkeit, der Reproduzierbarkeit und vor allem der Ganzheitlichkeit. Diese definiert sie, indem sie 42 potenziell für Privathaushalte relevante Finanzthemen benennt, in eine Rangfolge stellt und ihnen nach festgelegten Rechenregeln Orientierungswerte zuordnet.

Es ist evident, dass die Norm pervertiert – auch wenn das juristisch vertretbar sein mag –, wer die Norm als „Baukasten“ sieht, „einzelne Ideen und Berechnungen“ aus ihr nutzt und dabei „für jede Kundenpräferenz offen“ ist – um „Quickwins“ zu erzielen. Das gibt es tatsächlich bereits am Markt und verkauft sich unter der Überschrift „Verbraucherschutz neu definiert“ als „Finanzanalyse auszugsweise in Anlehnung an die DIN 77230“.

Wer solchermaßen Schindluder treibt, wer sich die Norm nach Gutdünken zurechtstutzt, der tut ihr Gewalt an. Denn er bezieht sich auf die Norm, um das zu praktizieren, wogegen die Norm und alle, die daran gearbeitet haben, aufstehen: Willkür und Intransparenz zulasten der Kunden.

Es ist leicht nachvollziehbar, dass sich deshalb auch in der Finanzbranche ein gutes und seriöses Zertifizierungswesen etablieren muss, so wie man es in anderen Bereichen kennt. Man ist „ISO 9001-zertifiziert“. Man lässt einen Dritten einen Blick auf die Prozesse werfen und sich bestätigen, dass man diese normkonform umsetzt und alle Voraussetzungen erfüllt, um das auch wirklich tun zu können.

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