„Explosiver Vermögensvernichtungscocktail“ Die Niedrigzinsen haben viel schlimmere Folgen als gedacht

Uwe Günther ist Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer von BPM - Berlin Portfolio Management. | © BPM - Berlin Portfolio Management

Uwe Günther ist Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer von BPM - Berlin Portfolio Management. Foto: BPM - Berlin Portfolio Management

Vor wenigen Wochen wurden sehr aufschlussreiche Berechnungen der Deutschen Bundesbank über die Zinsverluste bei Anlegern auf der einen Seite und die staatlichen Zinsgewinne beziehungsweise Einsparungen auf der anderen Seite veröffentlicht. So sparte der Staat durch die quasi Nullzinspolitik bisher mindestens 368 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt für 2019 beläuft sich laut Bundesgesetzblatt auf 356,4 Milliarden Euro.

Unterschätztes Ausmaß der Niedrigzinsen

Trotzdem sind die entgangenen Zinseinnahmen der Anlager verglichen mit den wahren Auswirkungen auf die gesamte Lebenswirklichkeit von Millionen Menschen wahrscheinlich nur eine Randnotiz. Die desaströsen Ausmaße der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) werden deutlich, wenn man betrachtet, wie die Schwemme billigen Geldes unser gesamtes Leben in Deutschland als Teil einer globalisierten (Finanz-)Welt unumkehrbar verändert. Hier einige Beispiele:

  1. Die Flucht vermögender internationaler Investoren in Immobilien macht hierzulande Wohneigentum selbst für bürgerliche Doppelverdiener in deutschen Innenstädten zunehmend illusorisch. Die letztendlich aus dem Nichts geschaffene Liquidität der Notenbanken findet über die Kreditgewährung von Banken an Immobilieninvestoren ihren Weg in die Preisentwicklung.
    Durch negative Zinsen forciert die Zentralbank die ungehemmte Kreditvergabe für spekulative Immobilienkäufe. Dass diese Kredite kaum produktiv genutzt werden, sondern zu einer Asset-Blase führen, entzieht sich scheinbar dem Einfluss der Notenbank. Familien, die dennoch Immobilien kaufen, erhöhen nicht nur ihr mittelfristiges (Re-)Finanzierungsrisiko, sondern schränken auch ihren Spielraum für Konsum oder die Bildung von Rücklagen ein. Die EZB produziert gewissermaßen ein Armutsrisiko.
  2. Mieter in zentralen Lagen von Hamburg, Berlin, München, Stuttgart oder Frankfurt sehen sich zunehmendem Druck von - oft ausländischen - neuen Eigentümern ausgesetzt. Hohe Kaufpreise verändern die Kalkulationsgrundlagen auch auf Investorenseite und „zwingen“ diese ökonomisch-rational zur Steigerung der Einnahmeseite, sprich: der Mieten.
    Das führt entweder zu den erwähnten Einschränkungen bei Konsum und Rücklagenbildung oder zur Verdrängung großer Bevölkerungsteile aus deren angestammten Lebensumfeld in städtische Randgebiete. Dies hat neben wirtschaftlichen auch immense sozial-psychologische Auswirkungen und sogar medizinische Implikationen, die - in Verbindung mit der geschaffenen EZB-Liquidität - in keiner Kostenstatistik auftauchen.
  3. Vergleichbare Auswirkungen hat die überbordende Notenbankliquidität auch auf den Einzelhandel und verschiedene täglich benötigte Dienstleistungen. Auch hier ist die Verdrängung gewachsener Strukturen, die Verringerung der realen Angebotsvielfalt und die Entstehung von Oligopolen mit starker Preissetzungsmacht „dank“ scheinbar unbegrenzt vorhandener Liquidität in vollem Gange. Lohndruck für Beschäftigte in diesen Bereichen sowie zunehmende vielfältige Abhängigkeitsstrukturen von Konsumenten sind der unsichtbare „Zins“, den hier hunderttausende Bürger täglich zahlen.
  4. Das sogenannte Draghi-Paradoxon: Schon länger zeigt sich, dass das erklärte Ziel einer gesteuerten Inflationierung über massive Liquiditätsschaffung faktisch das Gegenteil bewirkt. Wirtschaftliche Preismechanismen werden ausgeschaltet. Dies erzeugt auch auf der Lohnseite einen extremen Konkurrenzdruck, der sich in der nächsten Rezession in sprunghaft steigenden Arbeitslosenzahlen gerade bei geringer Qualifizierten widerspiegeln wird. Die dann entstehenden sozio-kulturellen Spannungen (siehe Gelbwesten…) und deren Kosten dürften astronomisch werden.
  5. Die EZB-Politik macht Reiche reicher und die Mittelschicht und Bezieher von Sozialleistungen ärmer. Die USA machen es vor: Das Vermögen der drei reichsten Amerikaner entspricht heute dem der unteren 50 Prozent der dortigen Bevölkerung. Die weltweit acht reichsten Menschen besitzen laut Forbes so viel Eigentum wie die 3,8 Milliarden ärmsten Bewohner des Planeten.
    Mehr als 40 Prozent der Amerikaner geben an, kaum oder keinerlei Rücklagen zu besitzen. Das tägliche Leben von vielen Millionen US-Bürgern wird zunehmend über rekordhohe Kreditkartenschulden und staatliche Unterstützungs- und Lebensmittelkupons finanziert. Weltweit hat sich seit 2009 das gesamte Vermögen der Milliardäre verdoppelt – von 3,4 Billionen auf 8,9 Billionen US-Dollar. In der gleichen Zeit sind die Einkommen und Vermögen breitester Bevölkerungsschichten trotz boomender Börsen real geschrumpft.

Verluste deutlich höher als entgangene Zinsen

Die Weichen, die in den vergangenen Jahren durch die ultralockere Politik der Notenbanken gestellt wurden, werden das Leben breitester Bevölkerungskreise kostenseitig extrem belasten. Dieser zu zahlende „Zins“ dürfte die entgangenen Sparzinsen bei weitem übersteigen. In unheiliger Allianz mit einer verfehlten Investitions-, Flüchtlings- und Entwicklungspolitik entfaltet die Niedrigzinspolitik der EZB auf Bürgerebene einen explosiven Vermögensvernichtungscocktail.

Der Rat einiger „Fachleute“ doch einfach mehr in Aktien zu investieren, wenn die Zinsanlagen nichts mehr abwerfen, geht an der Lebensrealität, gerade der Generation über 50, meilenweit vorbei. Zum einen steht für Aktien nur der Anteil am Vermögen zur Verfügung, der für das tägliche Leben nicht benötigt wird – und der wird immer kleiner. Zum anderen sind die gigantischen Liquiditätsmengen nicht nur in Immobilien geflossen, sondern haben auch größere Teile des Aktienmarktes in ein aktuell eher unattraktives Zockerparadies verwandelt. Vor diesem Hintergrund sollten sich Anleger besser entschulden und ihr Pulver, wenn vorhanden, trocken halten.