Warnt Neu-Aktionäre vor Ideologen und Scharlatanen Foto: Johannes Arlt

Wachtendorf-Kolumne

Gamestop: Finger aus den Ohren!

Ich weiß schon – das möchte jetzt, nach geschlagener Schlacht, niemand hören. Aber wenn man den im Januar an der Börse tobenden Kampf zwischen Hedgefonds und organisierten Kleinanlegern um die Gamestop-Aktie in Ruhe Revue passieren lässt, sollte man sich an einige grundlegende Fakten erinnern. Fakten, die in den meisten Berichten zum Thema keine oder kaum eine Rolle gespielt haben. Dabei sind sie es, die von vornherein kaum einen anderen Ausgang des Dramas zuließen.

Als Einzelhändler für neue und gebrauchte Videospiele mit weltweit mehr als 5.000 stationären Filialen gehört Gamestop zu jenen Unternehmen, die durch die zunehmende Digitalisierung und den Online-Handel schon vor Jahren in schwieriges Fahrwasser gerieten. Im Fiskaljahr 2018 fiel ein Rekordverlust von 673 Millionen US-Dollar an, 2019 betrug das Minus 471 Millionen Dollar. Besserung scheint nach den für das Corona-Jahr 2020 avisierten Zahlen bis auf weiteres nicht in Sicht. Zu diversen Managementfehlern gesellten sich zudem zweifelhafte Geschäftspraktiken im Handel mit Gebrauchtware. Zwischen Sommer 2015 und Sommer 2020 stürzte die Aktie daraufhin von 42 auf 4 Dollar ab.

Dass einige Marktteilnehmer bei einer solchen Ausgangslage weiter fallende Kurse erwarten und dies für ihre Zwecke auszunutzen versuchen, erscheint zumindest nachvollziehbar. Wer eine andere Meinung vertritt, kann selbstverständlich dagegenhalten – muss aber eines wissen: Auch das ist reine Spekulation, nur eben in die andere Richtung. Eine Spekulation, die umso gefährlicher wird, je stärker die Aktie anschließend steigt und sich damit – bei unveränderter Geschäftslage – noch weiter von den Fundamentaldaten entfernt.

Bis hierhin eine ziemlich klare Sache. Kompliziert wird es unter anderem dadurch, dass die Gamestop-Aktie offenbar gleich mehrfach an Shortseller verliehen wurde und so zeitweise eine Leerverkaufs-Quote von 140 Prozent aufwies. Ein Exzess, den man durchaus hinterfragen darf. Dasselbe gilt jedoch für die Argumente, mit denen anschließend überzeugte oder angebliche Occupy-Wall-Street-Anhänger massenhaft Kleinanleger über soziale Netzwerke wie Reddit animierten, Gamestop-Aktien zu kaufen: Es gehe darum, der verhassten, häufig als Leerverkäufer auftretenden Hedgefonds-Industrie einen Denkzettel zu verpassen. Was bekanntlich zunächst eindrucksvoll gelang: Mehrere Hedgefonds gerieten durch den plötzlichen Kursanstieg auf zeitweise 347 Dollar und den dadurch ausgelösten Short Squeeze in Turbulenzen.

Die vermutlich nie zu Ende gehende Diskussion „Wie böse sind Hedgefonds?“ an dieser Stelle noch einmal mit einem eigenen Beitrag zu bereichern und dabei so manch schiefe Ansicht geradezurücken, ist müßig – das haben andere in den vergangenen Tagen und Wochen zur Genüge getan. Ich empfehle den „offenen Brief an die neue Generation Aktie“ von „Wirtschaftswoche“-Redakteur Hauke Reimer. Nur so viel: Wüssten all die ideologisch motivierten Gamestop-Käufer, die ihre Orders mit Vorliebe über einen der hippen Neo-Broker wie Robinhood oder Trade Republic platzieren, dass letztere ihr Geschäftsmodell nur mit Hilfe von teilweise auch aus der Hedgefonds-Industrie fließenden Rückvergütungen betreiben können – der Anfang Februar jäh ausgestoppte Hype wäre schon viel früher zusammengebrochen. Und der legendäre Aus-Ruf von Fußball-Reporter Herbert Zimmermann im WM-Finale von 1954 hätte in künftigen Börsen-Flashmobs eine Chance, rechtzeitig gehört zu werden. Vielleicht.

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