Kommentar aus der Redaktion Die erstaunliche Schleimerei von Facebook und Google

Verschickt niemals Fotos mit Gesichtern über Whatsapp: DAS-INVESTMENT-Redakteur Andreas Harms | © Kasper Jensen

Verschickt niemals Fotos mit Gesichtern über Whatsapp: DAS-INVESTMENT-Redakteur Andreas Harms Foto: Kasper Jensen

So etwas ist mir noch nie untergekommen. Als ich heute Morgen auf meinen Bus wartete, studierte ich eine dieser durchlaufenden Werbeflächen, die drei Anzeigen zirkulieren lassen können. Kennen Sie doch, oder? Und zum ersten Mal kamen alle drei Werbenden aus dem Universum der FANG-Aktien. Es waren nämlich Facebook, Netflix und Google.

Nun bin ich ja den Anblick gewohnt, dass Netflix seinen neuesten Suchtstoff für Koma-Glotzer flächendeckend ausplakatiert. Aber Facebook und Google? Die Übermächte aus dem Supertypen-Valley in den USA sollen auf einmal Werbung nötig haben?

Nicht direkt, vielmehr sind die Plakate ein Versuch, ihr Image reinzuwaschen. Denn der Inhalt dreht sich bei beiden darum, was sie mit den Daten ihrer Nutzer machen. So fragt auf dem Facebook-Bild eine etwas unsicher dreinblickende junge Frau, warum Facebooks Algorithmus sie so gut kennt. Oh Mann, will man ihr zurufen, guck doch einfach mal in deine Timeline, dann weißt du’s.

Aber eigentlich will Facebook uns damit nur sagen, dass es künftig auf unsere Fragen antworten will. Und Google preist sich dafür, dass man dort inzwischen einstellen kann, welche Daten wie genutzt werden. Glaubwürdig ist beides natürlich nicht eine Sekunde lang. Und Mark Zuckerberg ist und bleibt für mich einer der abstoßendsten Firmenchefs, die ich kenne. Das ändern auch Plakate nicht.

Die Anzeigen sind jedoch Zeichen einer gewissen Nervosität, die Datenskandale, ein paar saftige Gerichtsurteile, das unsägliche neue Datenschutzgesetz und nicht zuletzt Kundenschwund (zumindest bei Facebook in Europa) ausgelöst haben. Zwar gibt es noch immer genügend Menschen, die ihr ganzes Leben über Facebook und Whatsapp in die Welt posaunen. Aber die Begeisterung geht sichtlich zurück. Jugendliche empfinden inzwischen mehr Stress durch Soziale Medien als durch eine zünftige Schulhofklopperei. Und als ich vor ein paar Wochen auf die sichere Whatsapp-Alternative Signal wechselte – die übrigens genau so gut funktioniert –, staunte ich nicht schlecht, wie viele meiner Bekannten dort schon sind.

Werden die Unternehmen deshalb untergehen? Wohl kaum. Dazu sind sie viel zu stark im Markt. Aber es sieht so aus, als hätten sie den Bogen hier und da überspannt. Facebook und Google enttäuschten zuletzt mit ihren Unternehmenszahlen die Analysten (die natürlich mehr und noch mehr erwartet hatten). Und speziell bei Facebook sei die Frage gestattet, ob ein riesiger Bestand an Nutzerprofilen wirklich so irre viel wert ist, wenn er auch nur fünf Jahre alt ist. Wer mal drauf achtet, wie sehr sich Menschen in fünf Jahren verändern, der wird antworten können: nö, isser nicht.

An der Börse gibt es noch immer die Regel von der Mean Reversion (wobei „Mean“ bezeichnenderweise nicht nur „Durchschnitt“, sondern auch „armselig“ bedeutet). Jede noch so fantastische Wachstumsgeschichte stößt irgendwann an ihre Grenzen. Und dann kommen die Aktienkurse wieder auf ein gepflegtes Mittelmaß (Mean) zurück. Passiert das jetzt? Warum eigentlich nicht? Die Fang-Aktien finden sich in so gut wie jedem Aktienfondsportfolio, von der Billionen-schweren ETF-Branche ganz zu schweigen. Material zum Verkaufen ist also genug vorhanden.