Kohlebergbau in China: Angesichts der aktuellen Geldflut sollte man sich gut aufgestellte Rohstoffunternehmen genauer ansehen. | © imago images / VCG Foto: imago images / VCG

Nüchterne Analyse

Wie man auf die Geldflut der Zentralbanken reagieren sollte

In den beiden letzten Rezessionen der Weltwirtschaft wurden die Vertreter der Rechtfertigungsthese „Diesmal ist alles anders“ schnell wieder auf den Boden der wirtschaftlichen Realitäten zurückgeholt. Könnte es diesmal anders sein? Anleger sollten vor ihren künftigen Investmententscheidungen eine Reihe von aktuellen Merkwürdigkeiten überdenken. Beispiele gefällig?

Beispiel 1:

Wirtschaftskrisen, oder besser gesagt Verschuldungskrisen (denn nichts anderes sind sie in der Geschichte immer gewesen), hatten ihr traditionelles historisches Drehbuch. Unproduktiv gewordenes Kapital wurde - unfreiwillig - wie überflüssiger Ballast über Bord geworfen und die finanzierende Gegenseite der Bilanz gleich mit. Der Volksmund nannte das dann „Unternehmenspleite“ und „Abschreiben von Krediten“. Das Kreditvolumen schrumpfte und passte sich den Realitäten an.

Nun ist der Kredit als solcher aber eine elementare Grundvoraussetzung für jedes reale Wachstum von Volkswirtschaften. Traditionell war das die Zeit, in der früher Notenbanken begannen, die Zinsen zu senken, um die zurückgegangene Kreditaufnahme wieder anzukurbeln. Die niedrigeren Zinskosten verbesserten Stück für Stück die Liquiditätslage für die Unternehmen, die den volkswirtschaftlichen Gesundungsprozess „Krise“ überlebt hatten. Das Ausscheiden von Wettbewerbern tat ein Übriges und so konnte ein neuer Zyklus beginnen.

Verkehrte Welt 1:

Zinssenkungen zur Wirtschaftsankurbelung im klassischen Stil sind heute de facto nicht mehr wirksam möglich - Stichwort „Null- und Minuszinsen“. Gleichzeitig explodiert diesmal schon während der Rezession die Kreditaufnahme. Seit Anfang 2020 sind die kommerziellen und industriellen Kredite auf einen Rekordwert von weit mehr als 3 Billionen US-Dollar gestiegen. Die Rekordverschuldung von Unternehmen in schlechten Zeiten könnte somit ein klares Indiz für Firmen-Insolvenzen und Ausfälle von deren Anleihen sein. Früher führte man „das Pferd zum Brunnen“ – saufen musste es allein. In der neuen verkehrten Welt kommt der Brunnen zum am Boden liegenden Pferd.

Beispiel 2:

Befragt man Privatanleger nach deren Selbsteinschätzung, sieht sich die überwiegende Mehrheit als langfristigen Investor und nicht als kurzfristig orientierten Spekulanten. Konkret bedeutet dies, dass sie Anlageentscheidungen mehrheitlich an fundamentalen und längerfristigen Bewertungen festmachen möchten und weniger an kurzfristigen marktpsychologischen Einflussfaktoren. Viele Anleger übernehmen dabei auch gerne die Argumentationslinien ihrer Berater, bei denen Value-Themen traditionell hoch im Kurs stehen. Das fühlt sich auch „irgendwie professionell“ und beherrschbar an. Dabei dürfte bei den vor uns liegenden Bewegungen Value wahrscheinlich nicht mehr die treibende Kraft sein.

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