Mats Wolk (Gastautor), Matti Wolk (Gastautor)Lesedauer: 6 Minuten

Rationalismus am Kapitalmarkt Wie die Psyche den Investor an der Nase herumführt

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Vor mehr als 35 Jahren fanden Daniel Kahneman (Nobelpreisträger 2002) und Amos Tsversky im Rahmen ihrer Prospect Theory heraus, dass Verluste und Gewinne unter Unsicherheit wesentlich von ma­­thematischen Modellen abweichen.

Verluste wiegen schwerer als Gewinne und haben mit zunehmender Größe abnehmende Grenzerträge.
(Quelle: Wikimedia Commons)

Man sollte meinen, dass Menschen den Gewinn 50 Euro gleich hoch bewerten wie die Kombination aus einem 100-Euro-Gewinn und einem 50-Euro-Verlust. Schließlich ist das Resultat in beiden Fällen ein Plus von 50 Euro. Doch psychologisch wiegen Verluste zwei- bis dreimal so schwer wie Gewinne, weshalb sich die meisten Menschen im zweiten Fall schlechter fühlen.

Wir tendieren dazu, unsere Verluste nicht rational in Geldeinheiten zu bemessen, sondern in Bedauern. Je größer der Verlust, desto größer das Bedauern. Und je größer das Bedauern, desto schwieriger fällt der Entscheid zum Verkauf. Ein innerer Konflikt entsteht, den wir als Individuum nach Möglichkeit vermeiden möchten. Das Resultat: Das Halten von sehr schlechten Positionen zwecks Vermeiden von Bedauern, sodass im Ergebnis im Portfolio besonders schlecht laufende Positionen gehalten werden.

Zusätzlich bedeutet der Verkauf einer schlecht gelaufenen Position, dass der Anleger Verluste verwirklicht und gleichzeitig einen schlechten Investmententscheid eingesteht. Ihm droht der Reputationsverlust.

Diese hohen emotionalen Schwellen beim Verkauf schlechter Positionen führen zu einer Asymmetrie innerhalb der Portfolios. Entgegen der Theorie werden Gewinner zu früh verkauft, während Verlierer zu lange gehalten werden.

Was bedeutet das für die Finanzwelt?

Nach diesem Exkurs in die Psychologie und Soziologie müssen wir also feststellen, dass menschliche Entscheide stark von vielen nicht kontrollierbaren Parametern abhängig und sicherlich nicht rational sind. Der Auswahlprozess ist folglich anfällig für Fehler – unabhängig ob Fondsmanager oder Privatanleger. Der heutige Erkenntnisstand zeigt, dass Investoren die Fehlerteufel der Behavioral Finance vermeiden können, wenn sie feststehende Handelsprozesse beziehungsweise Algorithmen, KI oder weitere technische Hilfsmittel nutzen.

Das Hauptproblem des Investors – und sogar sein schlimmster Feind – ist wahrscheinlich er selbst.

Benjamin Graham

Bereits heute gibt es einige Fondsboutiquen, die neuartige Ansätze für sich entdeckt haben. Gerade Fondsboutiquen mit ihrer vergleichsweise großen Agilität und Affinität für Zukunftstrends ermöglichen institutionellen Investoren wie auch Privatanlegern Zugang zu Finanzprodukten, die dazu geeignet sind, die Einflüsse der Behavioral Finance zu minimieren.

Gerade bei Privatanlegern zeigen diverse Studien, dass sie ganz besonders den Einflüssen der Behavioral Finance und anderen Heuristiken unterliegen – insbesondere problematisch in einer zunehmend demokratisierten Finanzwelt, die im Zuge der Corona-Krise immer mehr Privatanleger für sich entdecken. Es gibt nur eine Antwort: Der Mensch muss sich finanziell bilden, und zwar bereits ab dem frühen Jugendalter.

Über die Autoren:
Mats Wolk arbeitet als Marketing Manager bei Barbarossa Asset Management. Matti Wolk ist hier Junior Portfolio Manager. Die Brüder befinden sich kurz vor Abschluss ihres Studiums der Betriebswirtschaftslehre beziehungsweise des Wirtschaftsrechts. Finanzbildung liegt ihnen am Herzen. Einen entsprechenden Beitrag dazu möchten sie auf Instagram und innerhalb ihres persönlichen Netzwerks leisten.

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