Christian Heger im Interview „Europäische Aktien zählen zu den attraktivsten Anlageklassen“

Christian Heger, Anlagechef und Mitglied der Geschäftsführung bei HSBC Global Asset Management | © HSBC Global Asset Management

Christian Heger, Anlagechef und Mitglied der Geschäftsführung bei HSBC Global Asset Management Foto: HSBC Global Asset Management

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Die Zeit der blühenden Konjunktur in allen Teilen der Welt ist schon wieder vorbei. Rezessionsängste nehmen zu. Sind diese begründet?

Christian Heger: Tatsächlich ist das synchrone Wachstum der Weltwirtschaft vorbei. Erste Emerging Markets wie die Türkei, Argentinien und Südafrika befinden sich bereits in einer Rezession. Allerdings ist es für einen weltweiten Einbruch der Konjunktur noch zu früh. Der Zuwachs der Weltwirtschaft dürfte in den nächsten Quartalen über drei Prozent liegen.

Was stimmt Sie so optimistisch?

Heger: Vor allem die hohe Dynamik in den USA. Die seit Jahresanfang geltenden Steuersenkungen haben einen weiteren Fiskalimpuls ausgelöst, und dieser entfaltet aktuell seine volle Wirkung. Die Stimmung der Verbraucher ist auf einem so hohen Niveau wie seit Oktober 2000 nicht mehr. Mittlerweile sind die Wachstumsprognosen für die USA für 2018 auf gut drei Prozent angehoben worden. In der Eurozone konnten die optimistischen Schätzungen vom Jahresbeginn zwar nicht gehalten werden. Mit knapp zwei Prozent liegt der Zuwachs 2018 aber höher als das mittelfristige Potenzialwachstum von 1,5 Prozent. Selbst Handelskonflikte und Brexit-Sorgen trübten bisher die Stimmung bei den Unternehmen nicht spürbar ein.

Und Italien?

Heger: Italien ist schon ein Sorgenkind. Die neue populistische Regierung hat sich bislang wenig um den notwendigen Reformbedarf geschert. Wollen die Italiener nicht die Finanzierbarkeit ihrer hohen Verschuldung gefährden, muss die Regierung einen vertretbaren Budgetentwurf vorlegen. Ihre bisherige Haltung zeigt allerdings in die andere Richtung. Die Finanzmärkte haben dies bereits mit deutlich höheren Zinsen für italienische Staatsanleihen quittiert. Vieles spricht dafür, dass die neue italienische Regierung am Ende umlenken muss.

Bringen die US-Strafzölle China ins Trudeln?

Heger: Die Chinesen antworten auf die sich abzeichnenden Probleme bei den Exporten mit zusätzlichen Impulsen von der Geld- und Fiskalpolitik. So senkte die Notenbank im Oktober erneut den Mindestreservesatz. Auch wenn der Spielraum für expansive Schritte angesichts der hohen Verschuldung kleiner als 2009 oder 2015 ist, sollte die angestrebte Marke von gut sechs Prozent Wachstum erreicht werden.

Auch wenn die besten Zeiten vorbei sind, droht von der Konjunkturseite den Aktienmärkten also noch nicht allzu viel Ungemach. Wird auf der Zins- respektive Liquiditätsseite der Stecker für die Aktienmärkte gezogen?

Heger: Auch hier sind die besten Zeiten für die Kapitalmärkte vorbei. Die von der US-Notenbank Fed bereits vor zwei Jahren eingeleitete Wende zu einer restriktiven Geldpolitik hat weltweit alle Regionen erfasst. Außerhalb der USA verläuft der Trend zu höheren Zinsen aber nur langsam. Angesichts niedriger Kerninflationsraten haben insbesondere die Europäer und Japaner nur wenig Anlass, ihren expansiven Kurs vorschnell aufzugeben. In den Emerging Markets geht außer in China ebenfalls die Phase niedriger Zinsen zu Ende. Einige Länder wie Argentinien und die Türkei mussten sogar bereits mit kräftigen Zinserhöhungen dem Verfall ihrer Währungen entgegensteuern. Gleichzeitig ist die Fed mit ihrem Restriktionskurs noch keineswegs am Ende. Anziehende Inflationsraten und eine boomende Konjunktur lassen noch mindestens vier Zinserhöhungen bis Ende 2019 erwarten. Zusammen mit den rückläufigen Käufen der Notenbanken wird sich das Liquiditätsumfeld in den nächsten Monaten weiter eintrüben.

Also Vorsicht an den Aktienmärkten?

Heger: Trotz schwierigerer Rahmendaten ist es für einen generellen Abschwung noch zu früh. Selbst das reduzierte globale Wachstum reicht für steigende Unternehmensgewinne. Der Zinsanstieg ist noch zu moderat, um die Aktien von der relativen Bewertung unter Druck zu setzen. Gleichzeitig ist von einer Euphoriephase, die oft der Trendwende vorausgeht, weit und breit nichts zu sehen. Anleger sollten daher zwar Aktien nicht übergewichten. Die erwartete Fortsetzung einer Trading Range rechtfertigt aber weiterhin eine neutrale Positionierung.

Bevorzugen Sie eine bestimmte Region?

Heger: Vor allem im Gegensatz zum von Rekord zu Rekord strebenden US-Markt liefern europäische Aktienmärkte momentan ein eher trauriges Bild. Trotz der bereits angesprochenen Sorgen bieten die europäischen Aktienmärkte aber ein durchaus attraktives Umfeld. Die Wirtschaft wächst über dem Potenzialwachstum, ein schneller Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik ist nicht zu erwarten und der wieder schwächere und zum US-Dollar unterbewertete Euro hilft unverändert den Exporten.

Wie äußert sich das in den Kursen?

Heger: Die Bewertung spiegelt diese guten Rahmendaten nur unzureichend wider. Trotz steigender Unternehmensgewinne liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis mit rund 12 niedriger als vor zwölf Monaten und spürbar unter dem langfristigen Durchschnitt. Die durchschnittliche Dividendenrendite von über drei Prozent überschreitet teilweise deutlich die Verzinsung alternativer Euro-Anleihen. Anleger sollten sich daher durch die relative Schwäche nicht verunsichern lassen. Europäische Aktien gehören auf dem aktuellen Niveau weltweit zu den attraktivsten Anlageklassen und sollten fester Bestandteil eines diversifizierten Portfolios sein.