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Der Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: Der Dax ging nach der EZB-Sitzung auf Talfahrt. | © imago images / CHROMORANGE Foto: imago images / CHROMORANGE

Stimmen zur EZB-Sitzung

„Erwartungen nicht erfüllt“

Mit Spannung war die Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag erwartet worden. EZB-Präsidentin Christine Lagarde gab eine Ausweitung des Anleihenkaufprogramms bekannt und will zudem Banken mit besseren Kreditkonditionen stützen. Die Märkte haben die Maßnahmen nicht überzeugt. Der Dax fiel nach dem EZB-Beschluss um mehr als 10 Prozent.

Die Reaktion habe gezeigt, dass die Zentralbank die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte, sagt Andrew Bosomworth, Leiter des deutschen Portfoliomanagements bei Pimco. Das zeige, wie fragil das Marktumfeld aktuell sei. „Wenn der Zinssatz für Einlagenfazilitäten unverändert bei minus 0,5 Prozent bleibt, spiegelt dies implizit wider, dass der EZB-Rat die begrenzte Wirksamkeit von Zinssenkungen unter dem derzeitigen Niveau anerkennt“, so Bosomworth.

„Die getroffenen Maßnahmen konnten die Märkte nicht beruhigen“, bestätigt Wolfgang Bauer, Fondsmanager im Anleiheteam von M&G-Investments. Tatsächlich habe die Risikoaversion nach der EZB-Ankündigung noch einmal deutlich zugelegt: Der iTraxx Crossover, ein Risikoindikator im europäischen Hochzinsmarkt, sprang um 120 Basispunkte nach oben auf Niveaus, die es 2012 zuletzt gegeben habe, analysiert Bauer. „Während die EZB anscheinend mit ihrem Latein weitgehend am Ende ist, betont Christine Lagarde, sie halte eine koordinierte finanzpolitische Antwort für zentral, um die Auswirkungen von Covid-19 auf die europäische Wirtschaft in den Griff zu bekommen“, so der Anleiheexperte.

„Die EZB kann keinen Turnaround bewirken“, sagt auch Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank. Geldpolitik hätte zwar in der Vergangenheit immer wieder Wirkung gezeigt und Krisen abgeschwächt oder verhindert. „Doch das hilft heute alles nicht mehr weiter“, so Lang. Beim Coronavirus handele es sich um einen Angebots- und Nachfrageschock, den die Notenbanken nicht wirklich beeinflussen könnten. „Es wäre grob vermessen, darauf zu setzen, dass Notenbanken aktuell mit ihrer Geldpolitik eine stabilisierende Wirkung auf Finanzmärkte und Wirtschaftsräume ausüben können“, sagt der Chefvolkswirt. Das habe bereits die außerplanmäßige US-Leitzinssenkung vom 3. März gezeigt, die die ihre Wirkung „völlig verfehlt“ habe. Die Maßnahmen der EZB seien nicht falsch, könnten das Ruder aber nicht herumreißen. „Die klassische Geldpolitik ist damit nicht am Ende– aber sie ist derzeit einfach nicht das richtige Mittel“, so Lang. Stattdessen sei die Fiskalpolitik gefordert, also die Regierungen oder die EU-Kommission.

„Der Ball liegt jetzt im Feld der Fiskalpolitik“, meint auch Friedrich Heinemann, Ökonom am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Das Maßnahmenpaket sei ausgewogen und nutze die „sehr begrenzten verbleibenden Möglichkeiten der EZB, um die unausweichliche Corona-Rezession abzumildern“. Es sei ein kluger Schachzug, dass Christine Lagarde keine weitere Zinssenkung verkündet habe. „Eine weitere Verschärfung der Negativzinsen hätte den bedrängten Banken nicht geholfen, sondern deren Lage eher noch verschärft“, so Heinemann. „Wer sich von Christine Lagarde einen „whatever it takes“-Moment erhofft hatte, hatte ohnehin unrealistische Erwartungen“, meint der Ökonom. Die vom Virus ausgelöste Wirtschaftskrise lasse sich mit den Mitteln der Geldpolitik nicht wirksam eindämmen.

Dass die EZB am Ende ihrer Möglichkeiten ist, bezweifelt dagegen Bantleon-Chefvolkswirt Daniel Hartmann. „Angesichts des sich mittlerweile abzeichnenden Wachstumseinbruchs in der Eurozone, gehen wir davon aus, dass die EZB noch nachlegen muss“, so Hartmann. Er rechnet mit einer Leitzinssenkung um 10 Basispunkte und Ausweitung der expansiven Geldpolitik. „Selbst den Ankauf von Aktien über ETFs wollen wir nicht ausschließen“, sagt Hartmann.

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