Maske und Fieberthermometer: Als Folge der Corona-Pandemie steigt bei vielen Verbraucher das Bewusstsein für Risiken, die sie beispielsweise mit Biometrie-Policen absichern können. | © Foto von Anna Shvets von Pexels Foto: Foto von Anna Shvets von Pexels

Versicherungen

Prämien brechen in allen Sparten ein

Julia Palte, EY Innovalue

„Die nach wie vor relevanten Kontakt- und Mobilitätsbeschränkungen haben einen deutlichen Einfluss auf den Vertrieb“, sagt Julia Palte. „Darüber hinaus sorgt die Verunsicherung der Privat- aber auch der Firmenkunden für Zurückhaltung beim Neugeschäft und Abrieb im Bestand“, so die Partnerin bei der auf Finanzdienstleister spezialisierte Beratungsgesellschaft EY Innovalue. Die veränderte Situation am Markt setzten demnach Unternehmen mit ineffizienten Geschäfts- und Prozessmodellen unter Druck.

Die strategischen Managementberater von EY Innovalue haben für eine aktuelle Studie zunächst die möglichen Auswirkungen der Krise auf Bestand und Neugeschäft der Assekuranz untersucht. Hieraus haben sie konkrete Handlungsempfehlungen für Versicherer und Vertriebe abgeleitet. Basis ist die erwartete Branchen- und Bip-Entwicklung ohne Einfluss von Covid-19. „Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen, wer in der Lage ist, sich schnell umzustellen und aus Herausforderungen Chancen zu machen“, sagt Studienautorin Palte.

Bestandsrückgang in Komposit

Die Analysten von EY Innovalue erwarten im Privatkundengeschäft mit Kompositversicherungen einen Bestandsrückgang von zwei bis 3 Prozent, insbesondere in den Sparten Kfz- und Unfall-Policen. Allerdings sehen sie den generellen Wachstumstrend nicht gebrochen, sondern lediglich zeitlich verschoben. Gründe dafür seien verstärkte Preisvergleiche, gesunkene Kfz-Zulassungszahlen sowie ein Nachfragerückgang beziehungsweise Storni in Sparten, die bei Verbrauchern als vermeintlich „verzichtbar“ gelten.

Im Firmenkundengeschäft könnte der Rückgang mit 4 bis 6 Prozent laut EY Innovalue noch deutlicher ausfallen. Denn der Markt werde kleiner, weil es weniger neugegründete Unternehmen und zunehmende Insolvenzen geben dürfte. Negativ betroffen seien von der Krise Branchen wie zum Beispiel Gastronomie und Tourismus. „Generell sind Luftfahrt, Automotive und Tourismus nachhaltiger geschädigt als beispielsweise Medizintechnik, IT oder Telekommunikation“, so die EY Innovalue-Experten. Sie erwarten einen „härter werdenden Markt“.

Weniger Neugeschäft in Leben

In der Lebensversicherung rechnet EY Innovalue für 2020 mit einem Rückgang des Neugeschäfts von 23 bis 27 Prozent. Hiervon sei insbesondere das Einmalbeitragsgeschäft betroffen. Noch stärker könnten die Rückgänge demnach in der betrieblichen Altersversorgung (bAV) ausfallen. Denn insbesondere beim Thema Betriebsrente sei das Neugeschäft aktuell teilweise komplett eingestellt. Und in der privaten Altersvorsorge drücke die anhaltende Unsicherheit auf die Abschlussbereitschaft. Hinzu kämen Beitragsfreistellungen und Storni.

Bei den Biometrie-Policen erwarten die Versicherungsexperten von EY Innovalue hingegen vorerst eine Seitwärtsbewegung. Mittelfristig rechnen sie jedoch mit Zuwächsen aufgrund eines höheren Risikobewusstseins der Verbraucher als Folge der Pandemie. „Zusätzliche Effekte ergeben sich auch angebotsseitig“, schreiben die Studienautoren. Denn: „Abschlussorientierte Vermittler mit Branchenfokus in Leben und Kranken scheiden eher aus dem Markt als Vermittler mit Sachfokus und höheren laufenden Einnahmen“, begründen die Managementberater.

Private Krankenversicherung leidet

Das Neugeschäft in der privaten Krankenversicherung (PKV) könnte der Studie zufolge in diesem Jahr um 22 bis 29 Prozent einbrechen. „Dies betrifft vor allem die Vollversicherung. Das Vor-Krisen-Niveau dürfte auch bis 2025 nicht erreicht werden.“ Als Gründe dafür nennen die Analysten eine geringere Wechselbereitschaft in die PKV sowie mehr Insolvenzen und weniger Eintritte in die Selbstständigkeit.„ Auch reduzierte Beratungsmöglichkeiten und ein beschleunigtes Ausscheiden abschlussorientierter Vermittler beeinflussen die Neugeschäftsentwicklung.“

Grafik: EY Innovalue

Konsolidierung im Vermittlermarkt

Keinen Trendwechsel gebe es aber beim Vertriebswegemix: „Der langfristige Trend des direkten Abschlusses wenig beratungsintensiver Produkte sowie der Bedeutungsgewinn von Maklern bleibt weiterhin intakt. Neben dem Einfluss von Covid führen zunehmende regulatorische Anforderungen und vor allem die Überalterung zu rückläufigen Zahlen der aktiven Makler“, sagt Palte. Vor allem die Einzelkämpfer der Einzel- und kleineren Mittelstandsmakler stünden unter Druck. „Bei Pools und Vermittlerorganisationen setzt sich der Konsolidierungstrend fort.“ Insgesamt erwartet Palte einen Rückgang der registrierten Makler bis 2025 um 18 bis 23 Prozent.

Bei den gebundenen Vermittlern rechnen die EY-Experten sogar mit Rückgängen von 30 bis 34 Prozent. „Ausschließlichkeitsagenten sind zwar kurzfristig durch die Unterstützung der Versicherer gut gewappnet, gleichwohl bleibt der Trend zum Ausscheiden älterer Vermittler oder von Vermittlern mit hohem Leben-/Kranken-Fokus bestehen. Dies gilt insbesondere, wenn die Vermittler die digitalen Möglichkeiten der Kundeninteraktion nicht nutzen.“ Laut Palte müssten die Versicherer „die Auswirkungen auf die Vermittler verstehen und Maßnahmen zur Neugeschäfts- und Bestandssicherung ableiten.“

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