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China-Fondsmanagerin von Eric Sturdza Warum wir weiter in China-Immobilien investieren

Sitz des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande in Hongkong
Sitz des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande in Hongkong: In China droht keine neue Lehman-Krise, sagt Anlageexpertin Lilian Co. | Foto: imago images / ZUMA Wire
Lilian Co, Foto: Eric Sturdza Investments

„Ein kleiner Funken kann die ganze Steppe in Brand setzen.“ Dieses chinesische Sprichwort beschreibt treffend die aktuellen Befürchtungen zum chinesischen Finanzmarkt. Die finanzielle Schieflage des chinesischen Bauentwicklungsunternehmens Evergrande droht, noch weitere Immobilienunternehmen oder gar den ganzen Finanzsektor in China in Brand zu setzen. Sollte man sich als Anleger nun in Sicherheit bringen und sich aus dem chinesischen Aktienmarkt zurückziehen?

Aus unserer Sicht sind die jüngsten Nachrichten kein Grund zur Panik. Hier droht kein chinesisches Lehman-Desaster. Vielmehr ist die aktuelle Situation das Ergebnis eines von der chinesischen Regierung schon seit vergangenem Jahr eingeleiteten Regulierungsprozesses. Er soll eine Immobilienblase verhindern. Die chinesische Wirtschaft soll auf einen gesunden langfristigen Wachstumspfad einschwenken, sozialen Ungleichheiten will man entgegenwirken. So hat die chinesische Regierung für Immobilienunternehmen zahlreiche neue Gesetze erlassen, die unter anderem die Kreditvergabe durch Banken und die Kreditaufnahme und Grundstückskäufe für verschuldete Bauunternehmen einschränken.

Deshalb bleiben wir auch trotz der aktuellen Nachrichtenlage gelassen und halten weiterhin rund 19 Prozent unseres Portfolios in Immobilientiteln. Damit bleibt der Immobiliensektor unsere zweitgrößte Position, die wir im Vergleich zum Vormonat nur leicht, um 2,27 Prozent, reduziert haben. Zum Vergleich: In der Fonds-Benchmark, dem Index MSCI China Net Return US-Dollar, ist der Immobiliensektor nur mit rund 3 Prozent vertreten. Die aktuelle Situation versetzt uns also nicht in Panik. Wir sehen hier derzeit mehr Chancen als Risiken.

 

Auch unsere Positionen im Bildungssektor haben wir vor dem Hintergrund der jüngsten Regulierungswelle reduziert und auf defensivere Titel umgeschichtet. Wir denken, dass das Worst-Case-Szenario bereits eingetreten ist. Die betroffenen Unternehmen – private Nachhilfeanbieter und Privatschulen – müssen ihre Geschäftsmodelle nun umstrukturieren, um weiterhin bestehen zu können. Dies wird jedoch seine Zeit brauchen.

Tech-Werte haben wir ebenso etwas reduziert. Durch die Regulierungsmaßnahmen der Tech-Industrie zielt die chinesische Regierung darauf ab, die dominante Marktposition einiger weniger Marktteilnehmer aufzubrechen. Der Tech-Gigant Alibaba hat vor Kurzem verkündet, dass er die Aufhebung des geltenden reduzierten Steuersatzes für Schlüssel-Software-Unternehmen von 10 Prozent und eine Anhebung des Steuersatzes auf bis zu 20 Prozent erwartet. Die Verurteilung der Gaming-Branche als „geistiges Opium“ durch die Staatsmedien dürfte weiter Druck auf die Branche ausüben.

Die am 1. September 2021 von Präsident Xi Jinping gehaltene „Common-Prosperity“-Rede unterstreicht die Absicht der chinesischen Regierung, Vermögen von wohlhabenden Privatpersonen und Unternehmen umzuverteilen und soziale Gerechtigkeit herzustellen. Das ist der gemeinsame Nenner aller Regulierungsaktivitäten, die wir derzeit vermehrt in unterschiedlichen Sektoren sehen. Wenn die chinesische Regierung nun versucht, durch staatliche Eingriffe eine Blasenbildung im Immobilienbereich zu verhindern, so passt das ins allgemeine Bild.

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