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Private Krankenversicherung (PKV) Wie Krankenversicherer „politische Rendite“ erzielen wollen

Mediziner-App des Amsterdamer Betreibers Siilo
Mediziner-App des Amsterdamer Betreibers Siilo: 22 private Krankenversicherer und die die Berliner Investoren „Heartbeat Labs“ und „Flying Health“ investieren 100 Millionen Euro in einen Fonds, der sieben Start-ups der Gesundheitsbranche fördert. | Foto: Siilo Holding B.V.

Der mehr als 100 Millionen Euro schwere Venture-Capital-Fonds Heal Capital wird nach Angaben der Initiatoren vom Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV-Verband) zum „Taktgeber für digitale Innovationen im Gesundheitswesen“. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe man begonnen, in eine steigende Zahl an Unternehmen zu investieren, die „digitale Gesundheitslösungen von morgen“ anbieten.

„Die Entwicklung von Heal Capital zeigt, dass der Fonds genau zur richtigen Zeit kam“, erklärt Florian Reuther, Direktor des PKV-Verbands. „Mit Beginn der Corona-Pandemie haben digitale Gesundheitslösungen einen regelrechten Boom erlebt. Heal Capital ist bereits jetzt ein erfolgreicher Akteur in der Szene. Damit unterstreicht die PKV ihren Anspruch, Innovationsmotor im deutschen Gesundheitswesen zu sein.“

„Wir sehen immer mehr Unternehmer auch aus anderen Branchen, die sich den Herausforderungen des Gesundheitsmarkts stellen“, sagt Eckhardt Weber, Geschäftsführer von Heal Capital: „Wir sind überzeugt, dass in Europa und Deutschland die Healthcare-Champions der Zukunft entstehen können. Noch stehen wir erst am Anfang.“ Zum Portfolio des Fonds gehören Firmen aus den Bereichen Diagnostik, Therapie und Infrastruktur.

Die 7 bisherigen Fonds-Investments

  • Siilo
    Das erste Investment von Heal Capital ging im Juli 2020 an das niederländische Medical-Messaging-Unternehmen Siilo. Mit dem Konzept „Netzwerkmedizin“ möchte Siilo die Problematik von Informationssilos im Gesundheitswesen aufbrechen. Die gleichnamige Messenger-App ermöglicht Ärzten, Pflegekräften und anderen medizinischen Fachkräften einen einfachen, schnellen und datenschutzkonformen Austausch etwa von medizinischen Befunden – und über Abteilungsgrenzen hinweg. Siilo erhielt 9,5 Millionen Euro im Rahmen einer Series-A-Finanzierung.
  • Infermedica
    Im Sommer 2020 erhielt das polnische Digital-Health-Unternehmen Infermedica rund zehn Millionen Euro von einer internationalen Investorenrunde um Heal Capital. Infermedica ist eine digitale Plattform für diagnostische Empfehlungen und Ersteinschätzungen von Symptomen, die in der Primärversorgung von Patienten zur Anwendung kommt. Damit unterstützt das HealthTech-Unternehmen zum Beispiel Versicherungen und Gesundheitsdienstleister. So kann vermieden werden, dass Menschen mit kleineren Verletzungen oder leichteren Erkrankungen die Rettungsstellen der Krankenhäuser aufsuchen – wenn also kein notfallmedizinischer Bedarf vorliegt.
  • Ceregate
    Das dritte Heal-Capital-Investment geht in den Bereich der Neuromodulations-Therapie: Ceregate entwickelt eine softwarebasierte Schnittstelle zwischen Computer und dem menschlichen Gehirn – auch Computer-Brain-Interface (CBI) genannt. Das Unternehmen mit Sitz in München gehört auf diesem Gebiet bereits zu den weltweit führenden Akteuren. Mithilfe von Implantaten im Gehirn oder im Rückenmark können Symptome wie Gang- und Gleichgewichtsprobleme, zum Beispiel bei Parkinson-Patienten, behandelt werden. Damit ergänzt die CBI-Technologie die heutige konventionelle Tiefenhirnstimulation und andere hochmoderne Therapien.
  • Actio
    Das Berliner Start-up actio will mit seiner zugehörigen App helfen, gesunde Gewohnheiten („healthy habits“) nicht nur zu erlernen, sondern auch zu etablieren. Denn genau hier liegt die Herausforderung: den Nutzer aktiv zu halten. Deshalb bietet actio kurze Live-Sessions mit echten Trainern, derzeit aus den Bereichen Fitness und Achtsamkeit, an – und lässt keine Ausreden gelten: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden telefonisch an den Kursbeginn erinnert. Gegründet haben das Unternehmen Nikita Fahrenholz, der auch hinter dem Lieferdienst „Lieferheld“ steckt, und Daniel Stahlkopf.
  • Moray Medical
    Das US-amerikanische Start-up Moray Medical ist im Bereich der robotergestützten Chirurgie tätig und leistet Pionierarbeit auf dem Gebiet der robotischen Eingriffe für strukturelle Herzerkrankungen: Die Gründer Mark Barrish und Phillip Laby haben ein spezielles Kathetersystem entwickelt, das minimalinvasive Eingriffe am Herzen ohne Vollnarkose ermöglicht. Dieses „Coral“ genannte System besteht aus einem schlangenartigen Roboter-Katheter, der von einem digital gesteuerten System angetrieben wird. Außerdem hat Moray eine 3D-Augmented-Reality-Software entwickelt, die Ultraschall-Bilddaten mit einer simulierten Katheterspitze in einem digitalen 3D-Arbeitsbereich kombiniert. Chirurgen können auf diese Weise präzise und intuitive Bewegungen ausführen.
  • Avi Medical
    Das deutsche Jungunternehmen Avi Medical baut vollständig digital-integrierte Arztpraxen für Allgemeinmedizin. Die ersten haben bereits in München eröffnet. Anders als konventionelle Praxen will Avi Medical nicht nur hochqualitative Behandlung vor Ort bieten, sondern alle digitalen Möglichkeiten ausschöpfen, um die allgemeinmedizinische Versorgung zu verbessern. Dazu bietet es auch die Behandlung per Video sowie die Kommunikation per Chat an und arbeitet unter anderem mit der Lösung des Heal-Capital-Portfoliounternehmens Infermedica. Im Laufe der kommenden zwölf Monate sollen bis zu zehn weitere Arztpraxen eröffnet werden. Langfristig plant das Unternehmen bis zu 100 Praxen deutschlandweit und möchte über sein digitales Angebot die größte Gesundheitsplattform Deutschlands werden.
  • Livnao
    Das kanadische Mental-Health-Unternehmen Livnao hat eine Software entwickelt, die passiv den psychischen Gesundheitszustand eines Nutzers nur über die Sensordaten des Smartphones misst. Eine zum Patent angemeldete Technologie kombiniert die Sensordaten mit Künstlicher Intelligenz, um mit sehr hoher Genauigkeit Aussagen über das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit einer Nutzerin oder eines Nutzers zu treffen und dann personalisierte Therapieempfehlungen zu geben. Unternehmen wenden Livnao unter anderem bereits an, um ihre Mitarbeiter oder Versicherten über ihre psychische Gesundheit zu informieren – so dass sie möglichst frühzeitig reagieren, Belastungen reduzieren und Krankheiten vermeiden können.
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