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Lockdown-Ende in Österreich Foto: IMAGO / photonews.at
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Preisschübe in Deutschland und Europa

Eurozone-Inflation liegt deutlich über den Erwartungen

Hendrik Tuch, Fixed-Income-Chef bei Aegon AM

Auf 1,4 Prozent beläuft sich die Mitte Februar vom Bureau of Labor Statistics veröffentlichte jährliche US-Gesamtinflation. Der Wert liegt leicht unter dem Konsens und bleibt gegenüber dem Vormonat praktisch unverändert.

Die US-Preisteuerung steht im Kontrast zu den jüngsten deutschen und EU-Inflationszahlen, die Ende Januar veröffentlicht wurden: Die deutsche Jahresinflation stieg auf 1,6 Prozent (gegenüber erwarteten 0,5 Prozent) und die europäische Kerninflation kletterte auf 1,4 Prozent (0,9 Prozent erwartet). Solche Inflationswerte liegen recht nahe an der Zielmarke der EZB von 2,0 Prozent. In früheren Zinszyklen hätten sich die Marktteilnehmer auf erste Anzeichen einer Straffung der Geldpolitik eingestellt. Zudem: Es kommt sehr selten vor, dass die deutsche Inflation das US-Niveau übersteigt. In den vergangenen 25 Jahren lag die US-Inflation im Durchschnitt um etwa 0,75 Prozent über dem deutschen Wert.

Werfen wir einen genauen Blick auf die Zahlen, um zu sehen, inwieweit sich die Marktteilnehmer Sorgen machen müssen, dass die EZB oder die Fed ihre Unterstützung der Aktienmärkte zurückfahren.

Inflation dürfte kurzfristig weiter anziehen

Die US-Zahlen spiegeln eine Wirtschaft, in der der Dienstleistungssektor immer noch in der Flaute steckt, weil ein Großteil des Dienstleistungs- und Tourismussektors geschlossen ist. Die Stabilität der US-Kerninflation wird außerdem durch den verlangsamten Anstieg der Wohnungsmieten begünstigt und auch der Anstieg der Studiengebühren verläuft sehr gedämpft. Dennoch wird die Gesamtinflation in den kommenden Monaten weiter ansteigen, vor allem aufgrund des anziehenden Ölpreises und des schwächeren US-Dollars.

Die US-Notenbank hat angekündigt, die Füße still zu halten, sobald die Inflation in Richtung von oder sogar über das Inflationsziel von 2,0 Prozent steigt: Fed-Chef Jerome Powell und seine Kollegen in der US-Notenbank haben deutlich gemacht, dass sie ein vorübergehendes Überschießen der Inflation zulassen werden, um die schwachen Inflationszahlen der vergangenen Jahre auszugleichen. Darüber hinaus liegt der Fokus der Fed vor allem darauf, weitere Beschäftigungszuwächse zu erzielen, damit das Wirtschaftswachstum die gesamte US-Gesellschaft erreicht. In seiner jüngsten Rede unterstrich Fed-Chef Powell, dass die Zentralbank bereit sei, die Wirtschaft „auf Hochtouren“ zu bringen, um Vollbeschäftigung zu erreichen.

Die Anleger haben auf die Politik der Fed reagiert, indem sie ihre Erwartungen für die künftige Inflation in den vergangenen Quartalen nach oben schraubten, wobei die implizite 30-jährige Inflation jetzt bei 2,4 Prozent liegt, was dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre entspricht. Die nominalen Renditen steigen auch am hinteren Ende der Kurve weiter an: Der 30-jährige Zinssatz liegt nun bei 2 Prozent.

Steuern führen zu Preisschüben

Daher ist der plötzliche Anstieg der deutschen Inflationszahlen zu Jahresbeginn keine Überraschung für den Markt. Der wichtigste Faktor, der dazu beigetragen hat, ist die Anhebung der deutschen Mehrwertsteuer auf die gewohnten 19 Prozent zu Beginn dieses Jahres, womit die vorübergehende Senkung um 3 Prozentpunkte, die seit Juli 2020 in Kraft war, aufgehoben wurde.

Ein weiterer Faktor, der für höhere Inflation in Deutschland sorgt, war die Einführung einer neuen CO2-Steuer auf Benzin, Diesel, Heizöl und Gas, die seit Januar 2021 in Deutschland gilt und die Energiepreise in die Höhe treibt.

Der dritte Faktor ist die jährliche Anpassung des von der europäischen Statistikbehörde Eurostat zur Messung der Inflation verwendeten Warenkorbs: Der Warenkorb für den EU-weit harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) wird – um eine einheitliche Berechnung sicherzustellen – jährlich anhand von Daten über den Konsum privater Haushalte des Vorjahres berechnet. 2020 nahmen die Ausgaben für Einkäufe in Supermärkten deutlich zu, während die Ausgaben für Dienstleistungen zurückgingen. Es stellte sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern ein starker Anstieg der Inflation ein.

EZB wird trotz Inflationsanstiegs ihre lockere Geldpolitik beibehalten

In den vergangenen Monaten haben die Mitglieder des EZB-Direktoriums bereits davor gewarnt, dass die Inflationszahlen im Jahr 2021 in die Höhe schnellen würden, da die Faktoren, die die Inflation im vergangenen Jahr gedrückt haben, sich nun umkehren. Sie wiesen allerdings darauf hin, dass die Kerninflation in den kommenden Jahren sehr gedämpft bleiben wird und dass die Geldpolitik sehr akkommodierend bleiben muss, um einen konjunkturellen Aufschwung zu unterstützen. Die EZB wies sogar darauf hin, dass eine weitere Zinssenkung immer noch nicht vom Tisch ist, da sie sich um die anhaltende Stärke des Euro sorgt. Mit Sicherheit ist daher davon auszugehen, dass die EZB ungeachtet des jüngsten Anstiegs der Inflation nicht bereit ist, ihre Politik zu straffen.

Ähnlich wie in den USA beginnt derzeit auch der europäische Anleihemarkt, eine höhere erwartete Inflation einzupreisen, wenn auch auf einem viel niedrigeren Niveau mit einer impliziten 30-jährigen Inflationsrate von 1,6 Prozent. Die europäischen Nominalzinskurven haben ebenfalls begonnen, steiler zu werden, was sicherlich durch die anhaltende Emission neuer langlaufender Staatsanleihen in den Kern- und Peripherie-Anleihemärkten unterstützt wird. Kann sich der Trend steilerer Kurven und höherer Inflationserwartungen fortsetzen? Wir denken, ja – solange die Risikostimmung am Markt positiv bleibt und die globale Impfkampagne beschleunigt wird.

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