Themen-Experte
Spezialist für Europa

Themen-Experte
Spezialist für Europa

Menschenleere Innenstadt in Essen: Wann und wie die Wirtschaft schrittweise wieder hochgefahren wird, ist derzeit schwer vorherzusagen – für Anleger eine besondere Herausforderung. | © imago images / Rupert Oberhäuser Foto: imago images / Rupert Oberhäuser

Schwierige Ausblicke

Anleger müssen flexibel reagieren

Seien wir ehrlich: Was die kommende Zeit bringen wird, das weiß im Augenblick niemand. Kurzfristig könnten nur ein Impfstoff oder aber eine wirksame Behandlung die Pandemie aufhalten. Und nur dann ließen sich auch die Kosten dieser Krise beziffern.

Solange die Ausbreitung nicht eingedämmt ist, werden sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen fortsetzen. Wir werden daher nicht über die Tiefe der Rezession spekulieren oder Prognosen über Arbeitslosenzahlen und Gewinneinbrüche von Unternehmen anstellen. Noch immer können selbst die besten Epidemiologen der Welt die Wirkung des Lockdown nicht abschätzen, geschweige denn Szenarien für eine Lockerung der Maßnahmen entwerfen. Vorhersagen über mögliche Konsequenzen haben daher wenig Wert und wenig Sinn.

Wir können inzwischen das Risiko nicht mehr ausschließen, dass die Pandemie länger anhält und sich womöglich noch verschärft. Ein solches Szenario, das zum Glück nicht mehr das wahrscheinlichste ist, hätte eine wirtschaftliche Depression zur Folge, die alle Märkte erfassen würde. Sollte sich die Pandemie in diese Richtung entwickeln, käme es vor allem auf Liquidität an.

Eigene Analysen infrage stellen

Anleger müssten also ihre riskantesten Positionen möglichst schnell verkaufen können. In diesem unsicheren Marktumfeld muss man seine eigenen Analysen ständig infrage stellen und auch die Notwendigkeit einer Kehrtwende in Betracht ziehen. Das ist das erste Stadium der Analyse, in dem es nur ums Überleben geht. Anleger sollten nicht ihr gesamtes Kapital oder Risikobudget einsetzen, damit sie bei Bedarf auch weiterhin investieren können.

Nach aktuellem Wissenstand gelten ein Ende der Pandemie in diesem Sommer und eine langsame Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen als das wahrscheinlichste Szenario. Besonders deutlich wären die Auswirkungen auf Wirtschaft und Unternehmen folglich in den Ländern zu spüren, die von der Pandemie am stärksten betroffen waren. Die schnellen und umfangreichen Zusagen der Regierungen und Zentralbanken sollen eine Rezession lediglich verkürzen und eine Depression verhindern.

Auch können wir nicht ausschließen, dass eine Therapie, ein Impfstoff oder eine andere Veränderung  die Pandemie stoppt und eine Rückkehr zur Normalität möglich macht. Ein solches Szenario ist ebenfalls nicht sehr wahrscheinlich, hätte jedoch einen Bumerang-Effekt an den Märkten für Risikoaktiva zur Folge, der durch Zentralbankliquidität und Konjunkturpakete zusätzlich verstärkt wird. Auch hier geht es um Liquidität, mit der Anleger schnell neue Positionen aufbauen können.

Psychologische Faktoren bestimmend

Einfach ausgedrückt, geht es jetzt vor allem um Flexibilität, damit Anleger ihr Portfolio an die weitere Entwicklung – und die Schlussfolgerungen, die sie daraus ziehen – anpassen können. Schließlich folgen die Märkte nicht allein der Logik rationaler Analyse und ihrer Korrelation mit Makro- und Mikroökonomie, sondern auch menschlichen oder psychologischen Faktoren. So könnte der Markt irgendwann einfach „entscheiden“, dass das Schlimmste vorbei ist, und die Liquidität der Zentralbanken investieren.

Abschließend möchte ich noch auf eine Analyse von FactSet verweisen, der zufolge der MSCI in den vergangenen 15 Jahren bis Ende Dezember 2019 pro Jahr 7,5 Prozent rentiert hat. Wer in dieser Zeit die vierzig besten Handelstage verpasst hätte, stünde mit jährlich 2,5 Prozent weniger Rendite da. Es lohnt sich daher, an liquiden Vermögenswerten festzuhalten. Illiquide Vermögenswerte sollten Anleger nur dann in Betracht ziehen, wenn sie Volatilität vermeiden wollen und in den kommenden acht Jahren nicht auf Liquidität angewiesen sind.

Mehr zum Thema