Sähe Chancen und Risiken gern ins richtige Verhältnis gerückt: DAS-INVESTMENT-Kolumnist Egon Wachtendorf. | © Johannes Arlt

Wachtendorf-Kolumne

Beine halten für den Bürgerfonds

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Manche Lehrer prägen einen für das ganze Leben. Ich hatte so einen, in Deutsch, auf der Oberstufe des Gymnasiums. Er hat mich nur ein Jahr lang unterrichtet, aber ich erinnere mich oft an ihn – nämlich immer, wenn ich irgendwo das Wort „beinhalten“ lese. Dann sehe ich ihn plötzlich wieder vor mir sitzen und mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck das rechte Bein hinter dem Lehrertisch zur Seite ausstrecken. Das nämlich war nebst launigem Kommentar seine Methode, uns Schülern den Unterschied zwischen klarer und umständlicher Sprache zu veranschaulichen.

Kein guter Start also für den Werbe-Banner einer Investmentgesellschaft, der mir kürzlich ins Auge gesprungen ist. „Anlagen beinhalten Risiken, einschließlich dem Risiko des Kapitalverlustes“, stand dort groß und breit als Blickfang (Werbetreibende nennen es Eyecatcher) zu lesen. Sprachlich geht das allemal besser. Davon jedoch einmal abgesehen: Nicht die Art und Weise, wie hier eine Botschaft transportiert wird, stört mich am meisten. Sondern die Botschaft an sich. Ein Investmentfonds birgt Risiken, schon klar. Aber ist das der tiefere Grund, warum es ihn gibt und weshalb er aufwändig beworben wird?

Es kommt sogar noch schlimmer. Klickt man auf den Banner, erscheint gleich der nächste Warnhinweis: „Nur für professionelle Kunden, nicht für Privat-/Kleinanleger“. Was für ein gemeingefährliches Konstrukt mag sich nur dahinter verbergen, schießt es einem unwillkürlich durch den Kopf. Den man nach Auflösung des Rätsels gar nicht mehr aufhören will zu schütteln. Ein ganz normaler Mischfonds, der das Kapital der Anleger breit über verschiedene Aktien und festverzinsliche Wertpapiere streut. Wenn ein solcher Fonds sich nicht für Privatanleger eignet – ja welcher Fonds denn dann?

Den Schwarzen Peter für ein derartiges Kommunikations-Desaster ausschließlich dem Gesetzgeber zuzuschieben, greift zu kurz. Wir leben zwar im Zeitalter unregulierter Regulierung und überbordender Bürokratie, das derartige Brandmale geradezu heraufbeschwört. Doch so manches Mal agiert die Investmentbranche bei der Präsentation ihrer Produkte quasi in vorauseilendem Gehorsam – im Vertrauen darauf, dass der Berater oder die Beraterin vor Ort die Sache im Kundengespräch schon wieder zurechtbiegt. Der Aufwand ist freilich mitunter beträchtlich, und dieses klärende Gespräch muss überhaupt erst einmal zustande kommen.

Im Prinzip gibt es nur wenige essentielle Botschaften, die den Kauf eines globalen Misch- oder Aktienfonds durch Privatanleger zwingend begleiten müssten. Sie ließen sich allgemein verständlich in zwei Absätze gliedern, wobei der erste wie folgt lauten könnte: „Dieser Fonds beteiligt Anleger am langfristigen Wachstum der Wirtschaft. Die Mindestanlage beträgt 25 Euro pro Monat, Käufe und Anteilsrückgaben sind börsentäglich möglich. Von einer Pleite des Anbieters oder der Depotbank bleibt das im Fonds angesammelte Kapital als Sondervermögen unberührt.“ Der zweite Absatz würde dann ergänzen: „Die Erträge, die dieser Fonds erwirtschaftet, lassen sich nicht im Voraus berechnen. Kurzfristig kann es zu Verlusten kommen. Aber: Kein Anleger, der in der Vergangenheit 25 oder 30 Jahre lang regelmäßig in einen vergleichbaren Fonds eingezahlt hat, hat dabei Geld verloren. Die Ergebnisse fielen dabei fast immer deutlich höher aus als bei einem klassischen Sparkonto.“

Die Finanzaufsicht hätte da an der einen oder anderen Stelle durchaus noch Gesprächsbedarf, gewiss. Doch mal angenommen, es käme wirklich zu einem wie auch immer ausgestalteten staatlichen Bürgerfonds: Lautete dann dessen zentrale Botschaft auch „Dieser Fonds beinhaltet das Risiko des Kapitalverlustes“?

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