Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner „Unfälle in Wirtschaft, Banken und Politik werden wahrscheinlicher“

„Existenzbedrohende Krise“

Viele haben vergessen wie es damals Schlag auf Schlag kam. Im Sommer 2007 gab die Deutsche Industriebank bekannt, dass sie in eine existenzbedrohende Krise geraten war. Kurz später berichtete die britische Hypothekenbank Northern Rock von größeren Liquiditätsproblemen. Im März 2008 musste die US-Investmentbank Bear Stearns vom Konkurrenten JP Morgan übernommen werden.

Der Höhepunkt kam dann im Herbst 2008. Die beiden großen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddi Mac wurden unter staatliche Finanzverwaltung gestellt. Lehman Brothers beantragte Insolvenz. Der weltweit größte Versicherer AIG musste von der Regierung mit einem Kredit von 85 Milliarden US-Dollar vor der Pleite bewahrt werden.

Solche Verwerfungen hält die beste Konjunktur nicht aus. Wenn es so hart auf hart kommt, dann helfen auch stabilere fundamentale Bedingungen nicht. Dann ist ein stärkerer Einbruch nicht zu verhindern.

»Solche Verwerfungen hält die beste Konjunktur nicht aus«

Sicher ist die Wahrscheinlichkeit für solch ein Szenario heute ungleich geringer. Sie hat in letzter Zeit aber zugenommen. Das hängt zum einen mit der Konjunkturdynamik zusammen. Verbraucher und Unternehmen sind durch den langen Aufschwung in den letzten Jahren risikobereiter geworden.

Banken geben sich mit geringeren Margen zufrieden und legen weniger für Wertberichtigungen zurück. Sie sind dafür auch schon von der Aufsicht ermahnt worden. Wenn sich so ein Prozess weiter fortsetzt, kann es leicht zu einer Überhitzung und schließlich einem Knall kommen. Das ist der sogenannte „Minsky-Prozess“, der zu einem plötzlichen Konjunktureinbruch führen kann.

Es gibt derzeit keinen Hype

Wir bewegen uns hier inzwischen auf dünnerem Eis. Allerdings ist die Situation so richtig kritisch noch nicht. Dafür war die Aufwärtsbewegung bisher zu langsam. Es gibt keinen Hype.

Die Akteure sowohl in der Realwirtschaft als auch auf den Finanzmärkten sind, wenn ich das recht sehe, noch überwiegend vorsichtig. Dafür kommen aber eine Reihe anderer Problemzonen hinzu. In Italien ist die Bank Carige in Schwierigkeiten geraten. 

Es droht ein „Dirty Brexit“

In Großbritannien droht ein „Dirty Brexit“, von dem erhebliche Schockwellen ausgehen können. In den USA nehmen die Ängste im Zusammenhang mit unvorhergesehenen Aktionen des Präsidenten zu. In China hört man von größeren Ungleichgewichten bei staatlichen Unternehmen.

Wer kann ausschließen, dass es bei der allgemeinen Wachstumsverlangsamung zu Schwierigkeiten in einzelnen Unternehmen diesseits oder jenseits des Atlantiks kommt? Eine so reiche Firma wie Apple kann einen größeren Einbruch beim Absatz verkraften. Aber gilt das auch für alle anderen?

Für den Anleger

Nach wie vor bin ich optimistisch, dass die Konjunktur vergleichsweise stabil ist und es in den kommenden Monaten nur zu einer maßvollen Abschwächung kommt. Nach einer Entwicklung wie 2007/2008 sieht es jedenfalls im Hinblick auf die Makro-Bedingungen nicht aus.

Andererseits sind Unfälle bei Unternehmen oder Banken oder politische Fehlentwicklungen näher gerückt. Das Problem ist, dass sie nicht vorhersehbar sind. Wir sollten daher vorsichtig bleiben und bei Investments mit angezogener Handbremse fahren. 

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