Wegen Corona-Schutzmaßnahmen geschlossene Geschäfte in Kopenhagen, Dänemark: Danske Bank erwartet, dass sich die globale Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2020 wieder erholt.  | © imago images / Dean Pictures Foto: imago images / Dean Pictures

Danske-Bank-Chefstratege zur Corona-Krise

Das Schlimmste ist überstanden

Henrik Drusebjerg, Chefstratege der Danske Bank

Nach den massiven Verlusten in den Vorwochen kam es zuletzt wieder zu deutlichen Kursanstiegen an den Aktienmärkten. Hintergrund: Die enormen Konjunkturpakete der Regierungen und Zentralbanken aus aller Welt haben die Angst und die Panikverkäufe der Anleger abgemildert. Zugleich sind die Kursgewinne eine natürliche Gegenreaktion nach einer Phase mit sehr hohen Einbußen. Dies liegt unter anderem daran, dass viele institutionelle Investoren an die Aktienmärkte zurückgekehrt sind, um in ihren Portfolios die gewünschte Allokation in Aktien und Anleihen wiederherzustellen.

Kreditmärkte stimmen optimistisch

Gegenwärtig deuten verschiedene Indikatoren darauf hin, dass die schlimmsten Turbulenzen hinter uns liegen – nicht zuletzt die Entwicklung am Markt für Unternehmensanleihen.

Die Kreditmärkte sind sehr wichtig für die Liquidität, da hier die Unternehmen neues Kapital aufnehmen können. Diese Märkte scheinen in den letzten zwei Wochen etwas aufgetaut zu sein, nachdem sie mehrere Wochen eingefroren waren. Der Handel mit Anleihen war für Investoren kaum möglich, und es war für die Unternehmen schwierig, neues Kapital zu fairen Bedingungen aufzunehmen. Doch zuletzt konnten wir beobachten, dass Unternehmen wie McDonald‘s, Nike, Pfizer und Nestlé in der Lage waren, neue Anleihen mit vernünftigen Kupons zu emittieren.

Finanziell positive Zeichen aus Italien

Die Zentralbanken in Europa und den USA haben eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung der Kreditmärkte gespielt, indem sie bekanntgaben, dass sie Anleihenkäufe in Milliardenhöhe tätigen werden – in den USA sogar ohne Obergrenze. Gleichzeitig verkündete die US-Notenbank, dass sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte Unternehmensanleihen kaufen würde. Das hat der eskalierenden Kreditkrise einen weiteren Dämpfer versetzt.

Auch die Renditen italienischer Staatsanleihen sind ein Zeichen dafür, dass sich die schlimmste Panik gelegt hat. Nach großen Anstiegen Mitte März sind die Renditen wieder gefallen.

Der italienische Staat muss sehr viel Geld aufnehmen, um die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen des Corona-Virus abzufedern. Deshalb sind die Finanzierungskosten jetzt vielleicht so wichtig wie noch nie. Die fallenden Renditen sind daher ein positives Zeichen – und ein Vertrauensbeweis der Investoren an die Europäische Zentralbank, die den Ankauf europäischer Staatsanleihen angekündigt hat, darunter auch italienische Papiere.

Erholung in der zweiten Jahreshälfte erwartet

Auch wenn sich die schlimmste Panik an den Finanzmärkten gelegt hat, steht ihnen noch ein langer, steiniger Weg bevor. Die Weltwirtschaft ist nach wie vor gelähmt und wird auch noch einige Zeit in diesem Zustand verharren. Während sich die Anzahl der Corona-Neuinfektionen in zahlreichen europäischen Ländern vermutlich so langsam ihrem Höhepunkt nähert, befinden sich die USA noch in einem früheren Stadium und haben das Schlimmste wahrscheinlich noch vor sich.

Bildlich gesprochen haben wir immer noch einen Berg vor uns, den wir besteigen müssen. Doch die Zuversicht ist gestiegen, dass wir den Gipfel erreichen und auf der anderen Seite wieder absteigen werden. Die kommenden Wochen und Monate werden jedoch eine schwierige Gratwanderung, bei der die Regierungen ihre Volkswirtschaften schrittweise wieder öffnen müssen, ohne einen neuen großen Virusausbruch zu riskieren. Bei Danske Bank gehen wir nach wie vor davon aus, dass sich die globale Wirtschaftsaktivität im Laufe der zweiten Jahreshälfte 2020 wieder erholen wird.

Anleger tappen im Dunkeln

Trotz dieser grundsätzlich optimistischen Überzeugung rechnen wir für die kommende Zeit mit einer weiterhin hohen Unsicherheit und erheblichen Kursschwankungen.

Fest steht: Wir werden eine Phase mit schlechten Wirtschaftskennzahlen durchlaufen, an denen sich die Anleger aus etwas größerer Perspektive kaum orientieren können. Gleichzeitig werden auch die Unternehmen nicht in der Lage sein, ihre Erwartungen für 2020 klar zu formulieren. Deshalb tappen die Anleger derzeit im Dunkeln und müssen sich darauf beschränken, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, wie zum Beispiel auf die Bewertung der konjunkturellen Hilfsmaßnahmen und die Anzahl der Infizierten. Hier könnten die aktuellen Entwicklungen zu erheblichen Marktschwankungen führen.

Hier und jetzt sind es aber auch nicht die Unternehmensgewinne im Jahr 2020, die den Anlegern am meisten Sorgen bereiten. Entscheidender ist die Frage, wann die Konjunktur wieder in Schwung kommt und wie stark die Corona-Krise zwischenzeitlich die Unternehmen und die Gesamtwirtschaft beeinträchtigt.

Aufwärtspotenzial ist größer als Abwärtsrisiko

Nach den großen Kurseinbrüchen im März dürfte momentan das Aufwärtspotenzial an den Aktienmärkten größer sein als das Abwärtspotenzial, auch wenn durchaus noch weitere Phasen mit erheblichen Kursrückgängen kommen können.

Als Anleger sollte man aber nicht vergessen, dass die Aktienmärkte erfahrungsgemäß einige Zeit vor der Wirtschaft eine Kehrtwende vollziehen – nämlich dann, wenn die Anleger so langsam die ersten Silberstreifen am Horizont erkennen.

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