Henning Lindhoff (Redakteur)Lesedauer: 4 Minuten

UBS-Chefvolkswirt im Gespräch „Entscheidend sind die klimapolitischen Weichenstellungen“

Felix Hüfner von der UBS
Felix Hüfner von der UBS: Er sieht Chancen für die Maschinenbau-Industrie. | Foto: UBS

Das Investment: Welche Parteien haben die größten Chancen bei der kommenden Bundestagswahl?

Felix Hüfner: Wir machen selber keine politischen Prognosen, sondern denken in Szenarien. Hierfür spielt dann nicht nur eine Rolle, wie stark die einzelnen Parteien werden, sondern insbesondere auch, welche Koalitionen möglich sind. Letztlich ist die wichtige Frage für die Märkte, wie viel von den einzelnen Wahlprogrammen in den jeweiligen Szenarien umgesetzt wird und was dies für einzelne Sektoren und die Gesamtwirtschaft bedeutet. Bisher deuten die Umfragen auf eine Regierungsbeteiligung der Grünen hin. Aber endgültige Gewissheit über die Regierungskonstellation und die zukünftige Politik wird wohl erst einige Zeit nach dem Wahltag herrschen. 

Die Klimapolitik spielt für junge Menschen eine große Rolle. Doch die Wahlen werden von den älteren Semestern entschieden. Inwieweit werden grüne Themen auch nach dem Herbst noch eine Rolle spielen?

Hüfner: Umfragen, wie etwa das Politbarometer, deuten darauf hin, dass Klimapolitik seit rund zwei Jahren das wichtigste Wählerthema ist – nur verdrängt durch Corona seit vergangenem Jahr. Auch sind die Klimaziele der Regierung in den vergangenen Monaten noch ambitionierter geworden und werden eine Anpassung der Wirtschaftspolitik erfordern. Wie genau diese aussehen wird, also etwa wie schnell und wie hoch der CO2-Preis steigen wird, wird sicherlich eine wichtige Rolle bei den Koalitionsverhandlungen spielen. Darüber hinaus geben auf EU-Ebene etwa der Green Deal wichtige Impulse hin zu mehr Klimapolitik. Von daher halten wir es für wahrscheinlich, dass dies ein wichtiges Thema für die nächsten Jahre bleiben wird, und letztlich spiegeln das auch die Wahlprogramme über die Parteien hinweg wider.  

Ergeben sich aus dieser Konstellation auch Investmentchancen?

Hüfner: Wir sehen den Einfluss auf die Investmentstrategie sektoral differenziert. Zum einen gibt es Sektoren, die von der Dekarbonisierung profitieren. Auf der anderen Seite stehen Sektoren, die eher negativ exponiert sind.

 

Welche Sektoren sehen sie auf der Gewinnerseite?

Hüfner: Eine große Rolle spielen dabei die damit einhergehenden höheren staatlichen Investitionen, beispielsweise in das Bahnnetz, die Lade-Infrastruktur für Elektromobilität oder die Windenergie. Zu diesen Branchen gehören etwa Maschinenbauer, IT-Ausrüster oder auch einige Versorger.

Und welche Branchen geraten eher ins Hintertreffen?

Hüfner: Flughäfen und Fluglinien, aber auch die Chemie-Industrie.

Warum sehen Sie die Chancen für den Chemiesektor eher negativ? 

Hüfner: Unsere Analysten sehen den Chemiesektor vor allem exponiert bei einem steigenden CO2-Preis, vor allem wenn dieser in der kurzen Frist ansteigt. Darüber hinaus sind einige der Unternehmen große Arbeitgeber in Deutschland und wären daher auch von höheren Lohnkosten betroffen – etwa im Zusammenhang mit einem deutlichen Anstieg des Mindestlohnes betroffen.

Was spricht für den Investment-Standort Deutschland? Ist Europa nicht schon viel zu weit hinter China und den USA zurück? 

Hüfner: Eine große Herausforderung der nächsten Jahre für die deutsche Volkswirtschaft ist die Alterung der Bevölkerung. Durch eine geringere Erwerbsbevölkerung wird Schätzungen zufolge das Potenzialwachstum, also das langfristig unter normaler Auslastung erzielbare Wachstum, unter einen Prozent fallen. Die USA liegen näher an 2 Prozent. Es wird also zum einen darum gehen, mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter in Beschäftigung zu bringen. Zum anderen aber wird es auch darum gehen, die Produktivität zu steigern, also mit relativ weniger Beschäftigten gleich viel oder mehr zu produzieren.

Wie kann das gelingen?

Hüfner: Die Klimapolitik bietet eine Chance für mehr Innovation, bei der Europa eine Vorreiterrolle einnimmt. Denken Sie nur an den Green Deal der EU. Durch geeignete Anreize und erhöhte staatliche Investitionen ergeben sich hier neue Investment-Gelegenheiten, etwa im Bereich der Elektromobilität. Es kommt also hier sehr stark auf die Weichenstellungen der Wirtschaftspolitik an, inwieweit diese Transformation hin zu einer klimafreundlichen Ökonomie gelingt und den Investment-Standort Deutschland stärkt.

 


Über den Interviewten:

Felix Hüfner arbeitet seit 2015 als Chefvolkswirt für Deutschland und Europa bei der UBS. Zuvor war er als Chefökonom beim Institute of International Finance und als Ökonom bei der OECD tätig.

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