Steve Watson im Interview „China profitiert langfristig vom Handelskonflikt“

Steve Watson, Portfoliomanager bei Capital Group: „Die im Handelsstreit aufgeworfenen Fragen sind für China nicht unbedingt schlecht.“ | © Capital Group

Steve Watson, Portfoliomanager bei Capital Group: „Die im Handelsstreit aufgeworfenen Fragen sind für China nicht unbedingt schlecht.“ Foto: Capital Group

Herr Watson, die Märkte waren diesen Monat unruhig, da die Handelsgespräche zwischen China und den USA anscheinend zum Stillstand gekommen sind. Sehen Sie eine Lösung?

Steve Watson: Wir müssen diese Ereignisse in einen Zusammenhang bringen. Bis vor zwei Wochen sah es so aus, als ob die Handelsgespräche gut liefen. Die Märkte erreichten neue Rekorde. Investoren warteten nur darauf, dass ein Deal angekündigt wird. Jetzt scheint der Optimismus verschwunden zu sein. Das spiegelt aber nicht Dann ist plötzlich all dieser Optimismus vom Tisch? Das ist nicht realistisch.

Es war klar, dass die Handelsgespräche nie einfach werden. An diesem Punkt sind wir gerade angelangt. Meine grundlegende Überzeugung ist jedoch, dass China und die USA einander brauchen. Wenn es um den internationalen Handel geht, sind beide voneinander abhängig. Daher ist es im Interesse aller, den Handelsstreit beizulegen und zum Tagesgeschäft zurückzukehren. Ein Deal wird kommen. Ob das noch im Mai, Juni oder erst im September der Fall ist, weiß ich nicht.

Haben Sie derzeit Bedenken, in chinesische Unternehmen zu investieren?

Watson: Überhaupt nicht. Viele der größten und bekanntesten börsennotierten Unternehmen Chinas – zum Beispiel Alibaba, Baidu, Tencent und Ctrip – sind keinen nennenswerten internationalen Handelsstörungen ausgesetzt. Sie sind auf das Inlandsgeschäft konzentriert. Ihre Aktienkurse können zwar durch schlechte Anlegerstimmung in China beeinflusst werden, aber ich sehe nicht, dass dies Gewinne beeinträchtigt.

Welche Auswirkungen haben die Zölle auf die US-amerikanische und chinesische Warenwirtschaft?

Watson: Das ist schwer zu sagen, weil wir nicht wissen, wie lange die Zölle Bestand haben. Wenn sie eine Weile Bestand haben, werden die Hersteller, Distributoren, Einzelhändler und letztendlich die Verbraucher das auf ganzer Linie schmerzlich spüren. Aus Sicht der USA kann es schwierig sein, Ersatz für bestimmte chinesische Produkte zu finden. Es ist schwer, in einem Walmart Spielzeug zu kaufen, das nicht in China hergestellt wurde.

Aus Sicht Chinas werden die Auswirkungen meines Erachtens bedeutend sein, aber weniger stark, als dies in der Vergangenheit der Fall gewesen wäre. Ein Großteil der chinesischen Wirtschaft basiert nun auf Eigenbedarf. Sie ist viel dienstleistungsorientierter als früher. Es steht außer Frage, dass die Zölle chinesischen Herstellern geschadet haben, aber das gesamtwirtschaftliche Wachstum des Landes wird wahrscheinlich nicht mehr so stark beeinträchtigt wie noch vor fünf Jahren.

Glauben Sie, dass die US-Notenbank oder andere Zentralbanken angesichts der festgefahrenen Situation eine Zinssenkung in Betracht ziehen könnten?

Watson: Nicht sofort. Die erste Reaktion erfolgt immer an den Aktienmärkten. Das sehen wir jetzt – abhängig von den Schlagzeilen des Tages. Chinesische Aktien sind am härtesten betroffen. Dann Schwellenmärkte – vor allem Länder wie Brasilien, die die Rohstoffe liefern, die China für seine Wirtschaft benötigt. Dann spürt es der Rest der Welt, auch die US-Märkte. Die chinesischen Währungshüter werden voraussichtlich als erstes reagieren. Sie haben viele Hebel, darunter neue Anreizmaßnahmen, Steuersenkungen, die Finanzierung von mehr Infrastrukturprojekten und eine Erhöhung der Kreditverfügbarkeit.

Wie Sie wissen, hat die US-Notenbank Federal Reserve ihre Zinserhöhungspläne zu Beginn dieses Jahres ausgesetzt. Diese zurückhaltende Stimmung wurde allgemein von anderen Zentralbanken bestätigt. Die Botschaft ist, dass wir uns in Bezug auf Zinssätze derzeit neutral verhalten. Ich denke, das wird für den Rest des Jahres so bleiben. Auf jeden Fall ändert sich nichts, bis wir überzeugende Wirtschaftsdaten sehen, die die Fed in eine andere Richtung treiben.

Wer profitiert vom Handelsstreit?

Watson: Die im Handelsstreit aufgeworfenen Fragen sind für China nicht unbedingt schlecht. Chinas Wirtschaft wird voraussichtlich in den kommenden Jahren in hohem Maße von den vorgeschlagenen Reformen profitieren. Der Schutz von geistigen Eigentumsrechten könnte beispielsweise für chinesische Unternehmen in Zukunft gut sein, da sie zunehmend ihr eigenes wertvolles geistiges Eigentum entwickeln.

Chinas Wirtschaft ist in den vergangenen drei Jahrzehnten enorm gewachsen. Die Wachstumsrate lag in diesem Zeitraum durchschnittlich bei 10 Prozent pro Jahr. Der Fortschritt war geradezu erstaunlich. Und wenn das Land weiterhin ein starkes Wirtschaftswachstum und einen wachsenden Wohlstand für das chinesische Volk erzielen will, wäre es nicht schlecht, seinen Verpflichtungen gemäß der Welthandelsorganisation nachzukommen und die Märkte im Einklang mit internationalen Normen weiter zu liberalisieren.

Tatsächlich würde ich sagen, dass die Marktrückgänge, die wir in den vergangenen Tagen gesehen haben, eine gute Kaufmöglichkeit für ausgewählte Unternehmen in China sind. Unsicherheit führt immer zu schwächelnden Kursen. Für langfristige Anleger sind Kursschwankungen durchaus nützlich.