Didier Saint-Georges: Foto: Carmignac

Didier Saint-Georges

5 Fragen in der Corona-Krise

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Die Coronavirus-Pandemie ist im Begriff, die meisten großen Volkswirtschaften lahmzulegen. Wird 2020 für einen großen Teil der Weltwirtschaft ein verlorenes Jahr?

Didier Saint-Georges: Es ist nicht die Pandemie selbst, die die Volkswirtschaften zu einer Vollbremsung zwingt. Vielmehr sind es die ergriffenen Eindämmungsmaßnahmen, die jedoch unverzichtbar sind, um die Folgen für die Menschheit zu begrenzen. Dies ist eine sehr gut nachvollziehbare, bewusste politische Entscheidung, die ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Konsequenzen getroffen wurde. Daher ist es auch nicht möglich, das Ausmaß dieser Konsequenzen vorherzusagen – hier hängt alles davon ab, wie erfolgreich das Gesundheitssystem im Kampf gegen die Pandemie ist. Mit dieser Ungewissheit kommen die Märkte derzeit äußerst schlecht zurecht. Die These, dass es nach dem Überstehen der Pandemie zu einer V-förmigen Konjunkturerholung kommen wird, erscheint jedoch allzu optimistisch: Auf ausgeprägte Schocks für die Weltwirtschaft folgt zumeist – wie beispielsweise 2008 – eine Hysterese in Gestalt nachhaltiger Auswirkungen auf Vertrauen, Sparneigung, Beschäftigung und Lieferketten. 

Ist das Verteilen von Helikoptergeld, also Liquiditätsspritzen für die Wirtschaft, die optimale Lösung zur Konjunkturbelebung?

Saint-Georges: Derzeit ist es nicht die oberste Priorität, die Konjunktur wieder zum Laufen zu bringen. Vielmehr muss verhindert werden, dass der Ausfall der wirtschaftlichen Aktivität über mindestens mehrere Wochen nicht zu nachhaltigen Schäden für die Unternehmen, besonders die kleinsten und am wenigsten widerstandsfähigen, oder auch für Handwerker und Verbraucher führt. Erst, wenn die wirtschaftliche Aktivität wieder aufgenommen werden darf, sind entsprechende Konjunkturprogramme aufzulegen. Wenn dies so weit ist, wird das Defizit vieler Staaten noch größer sein als bislang und die Zentralbanken werden ihre konventionellen Instrumente bereits ausgereizt haben. Daher wird man mit Sicherheit neue Lösungen ins Auge fassen müssen. Wahrscheinlich werden auch „Helicopter Money“ und die „Modern Monetary Theory“ dazugehören.

Kann diese Epidemie das Ergebnis der US-Wahlen im November beeinflussen?

Saint-Georges: Es steht außer Frage, dass Donald Trump das Ausmaß der Epidemie und ihrer Folgen für die Vereinigten Staaten anfangs stark unterschätzt hat. Er wurde gewissermaßen „auf frischer Tat ertappt“, als er mangelnde Führungsstärke zeigte. Zudem waren die starke US-Wirtschaft und die beneidenswerte Entwicklung der US-Börsen seine Hauptargumente im Wahlkampf. Mithin wurden Trumps Aussichten auf einen Wahlerfolg im Vergleich zu seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden nun empfindlich geschwächt. Allerdings sind es noch fast acht Monate bis zur Präsidentschaftswahl. Die weitere Entwicklung der Situation wird entweder die Fehleinschätzungen von Donald Trump bestätigen und seinem Gegner eine hervorragende Angriffsfläche bieten oder ihm die Gelegenheit verschaffen, sein Image wieder zu verbessern und die US-Amerikaner im Angesicht der Krise um sich zu scharen. Das Spiel ist wieder völlig offen.

An den Anleihemärkten machen sich Liquiditätsprobleme bemerkbar und im High-Yield-Segment weiten sich die Spreads aus. Sollte man Anleihen nun lieber meiden?

Saint-Georges: Anleihen unterscheiden sich als Anlageklasse stark von Aktien – solange der Emittent nicht in Konkurs geht, erhält der Besitzer bei Fälligkeit den Nominalwert der Anleihe zurück. Folglich kann der Preis von Anleihen zwar stark schwanken und es kann zu großen Liquiditätsproblemen kommen – doch die Anleihen von Emittenten, die diese historisch beispiellose Situation überstehen, können unter diesen Umständen eine attraktive Einstiegschance bieten. Für die Anleger besteht die Herausforderung darin, dass sie eine sehr starke Volatilitätstoleranz benötigen und insbesondere in der Lage sein müssen, die Solvenz von Unternehmen sehr präzise zu analysieren. 

Bietet der Absturz der Finanzmärkte Anlegern eine attraktive Gelegenheit, einen Teil ihrer Vermögenswerte in Aktien umzuschichten?

Saint-Georges: Die Finanzmärkte sind erneut in eine Phase starker Instabilität eingetreten. Dies liegt nicht nur daran, dass die Coronavirus-Krise sich in immer mehr Bereichen bemerkbar macht, sondern auch an den bereits zuvor extrem fragilen finanziellen und makroökonomischen Rahmenbedingungen. Seit etwa zehn Jahren stützt das Handeln der Zentralbanken eine beispiellose Performance der Finanzmärkte, bei gleichzeitig anhaltend schwachem Wachstum der Realwirtschaft. Die Zentralbanken und Staaten sind relativ machtlos angesichts des deflationären Schocks, den die Gesundheitskrise durch den mit ihr verbundenen Nachfrageeinbruch auslöst. Die Märkte müssen sich daher auf äußerst brutale wirtschaftliche Folgen einstellen. Sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach sehr instabil bleiben, bis sie die Konsequenzen quantifizieren können.


Über den Interviewten:
Didier Saint-Georges ist Managing Director und Mitglied des strategischen Investmentkomitees beim französischen Fondshaus Carmignac.

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