COVID-19 im Verbund mit der Geld- und Fiskalpolitik droht die Einkommensungleichheit in der Gesellschaft zu verschärfen, warnt Mark Dowding | © imago images / ZUMA Wire Foto: imago images / ZUMA Wire

Investmentchef von Bluebay AM

„Protestbewegungen gegen die herrschende Elite sind denkbar“

„Der ,Melt-up‘ bei Risikoanlagen setzte sich in der vergangenen Woche fort, angeheizt durch reichlich Liquidität. Die Sorgen der Marktteilnehmer im Hinblick auf die Auswirkungen von Covid-19 scheinen angesichts der gewaltigen Kraftanstrengungen der globalen politischen Entscheidungsträger zurückgehen.

Wir befinden uns jetzt offenbar in einer Welt, in der ,zu viel Geld hinter zu wenigen Vermögenswerten her ist‘, um Milton Friedman zu zitieren. Doch während die Zentralbanken Vermögenspreise stützen oder sogar antreiben, befindet sich die Weltwirtschaft in einer extrem misslichen Lage. So liegt die Zahl der Arbeitslosen in den USA derzeit mehr als dreimal so hoch wie während der letzten Rezession im Jahr 2009.

Zwar beginnen sich Nachfrage und Produktion weltweit wieder zu erholen, nachdem die Lockdown-Maßnahmen gelockert oder aufgehoben wurden. Dennoch dürften im weiteren Jahresverlauf sinkende Einkommen und steigende Sparquoten die Verbrauchernachfrage und die Investitionsausgaben belasten. Sofern eine zweite Infektionswelle abgewendet werden kann, könnten sich die wirtschaftlichen Aussichten weiter aufhellen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass es günstigstenfalls Monate dauern wird, bis die Aktivität in Schlüsselsektoren wieder an die zum Ende des vergangenen Jahres erreichten Höchststände anknüpft.

Beim Blick auf Aktienindizes wie den S&P, die zum großen Teil auf ihre Kursstände von Jahresbeginn zurückgekehrt sind, fällt es schwer sich daran zu erinnern, dass wir uns mitten in einer tiefen Rezession befinden. Wenn der risikofreie Zinssatz für Anleihen mit langen Laufzeiten von einer US-Zentralbank gegen Null getrieben wird, ist es schwierig, den fairen Wert aller anderen Vermögenswerte zu modellieren. Viele Asset Manager werden dazu gedrängt, Aktien und risikoreiche Anlagen zu bevorzugen, da es schwierig ist, Erträge aus US-Staatsanleihen mit Renditen nahe Null zu erzielen. Bei vielen Marktteilnehmern wächst das Unbehagen über dieses risikofreudige Verhalten in einer Zeit, in der die zugrunde liegenden Fundamentaldaten lausig ausfallen.

Die Geldschwemme der Zentralbankpolitik hat einen nicht unwesentlichen Nebeneffekt: Wer Geld hat, kann damit nun noch mehr Geld scheffeln – und das zu einer Zeit, in der die weniger Glücklichen schwer unter Druck sind. Die Geldpolitik droht die Einkommensungleichheit in der Gesellschaft zu verschärfen.

Angesichts der Bürgerunruhen in den USA, die nach den Covid-19-Quarantänemaßnahmen zu neuen rigiden Ausgangssperren führen, ist denkbar: Das verständliche Entsetzen über die Ermordung von George Floyd und die Empörung über das Fortbestehen von Rassismus in Teilen der westlichen Gesellschaft könnte in eine breite Protestbewegung gegen die herrschende Elite umschlagen.

Es gibt eine krasse und wachsende Kluft zwischen Arm und Reich – aber auch zwischen Alt und Jung. Die jüngeren Generationen müssen jetzt die Hauptlast der erodierten Beschäftigungsverhältnisse und Einkommen schultern und werden zukünftig noch viele lange Jahre mit der Last der Schulden und Steuern leben müssen.“

Hier lesen Sie den ausführlichen Kommentar von Bluebay AM.

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