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Thomas Wukonigg verantwortet bei der Wamsler & Co. Vermögensverwaltung unter anderem das Portfoliomanagement.  | © Wamsler & Co. Vermögensverwaltung

Vermögensverwalter warnt „Die Verwerfungen an den Finanzmärkten werden andauern“

Die Volatilitäten haben zuletzt noch einmal spürbar zugenommen. Die durchschnittliche Handelsspanne des deutschen Aktienindex Dax lag in den letzten Handelstagen im Dezember bei mehr als 190 Punkten oder mehr als 1,8 Prozent pro Handelstag und damit in etwa doppelt so hoch, wie noch im September des Vorjahres. Auch die gängigen Volatilitätsindizes wie der VDax New oder das amerikanischen Pendant Vix sind seit Herbst spürbar gestiegen. 

Das zeigt sich natürlich auch auf Einzelwert-Ebene. Eine Aktie wie Fresenius, wahrscheinlich eine der defensivsten Werte im Dax, fiel seit Oktober in der Spitze um fast 45 Prozent, obwohl das Unternehmen „nur“ vor einem Gewinnrückgang um circa zehn Prozent gewarnt hat. Es gab zahlreiche weitere Kurseinbrüche, die vor Jahren in diesem Ausmaß noch undenkbar waren – zum Beispiel bei Wacker, Continental oder Osram.

Solche Verwerfungen sind natürlich nicht auf den deutschen Aktienmarkt beschränkt. An der Wall Street gab es im vierten Quartal gleich mehrere Tage, an denen der Dow Jones um mehrere 100 Punkte schwankte. An Heiligabend verzeichnete der amerikanische Leitindex den größten Punkteverlust, der jemals an einem Handelstag vor Weihnachten zu verschmerzen war. Am ersten Handelstag danach verzeichnete der Dow den größten Punktegewinn, den er jemals an einem Tag überhaupt erzielte.

Oder Apple: Die einstmals wertvollste Aktie der Welt verlor nach einer Gewinnwarnung Anfang Januar an einem einzigen Handelstag zehn Prozent an Wert. Damit gingen auf einen Schlag rund 75 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung verloren. Das entspricht fast dem Wert des gesamten Volkswagen-Konzerns.

 ETFs verstärken Trends

Für diese extremen Ausschläge gibt es gleich mehrere Gründe. So haben seit dem Ende der Finanzkrise passiv gemanagte Indexfonds deutlich an Bedeutung zugenommen. Dasselbe gilt für eine Vielzahl von neuen Investmentkonzepten – zum Beispiel Anlage-Vehikel, die auf weiter tiefe Volatilitäten setzen. Diese Produkte agieren überwiegend prozyklisch und verstärken somit die Kursausschläge.

Schätzungen gehen davon aus, dass in den USA mittlerweile 45 Prozent aller Aktienprodukte passive Strategien verfolgen. Die Fundamentalanalyse spielt zumindest auf kurze Sicht kaum mehr eine Rolle.

Dazu kommt der automatisierte Computerhandel, der an wichtigen, markttechnischen Punkten Dominoeffekte auslöst, was wiederum starke Kettenreaktionen zur Folge hat. In den Vereinigten Staaten werden angeblich mittlerweile bis zu 70 Prozent des Wertpapierhandels durch Handelsprogramme bestimmt, die auf Algorithmen beruhen. Auch hier spielen fundamentale Überlegungen kaum eine Rolle – zumindest auf kurze Sicht nicht.

Schließlich verstärken auch Unternehmensanalysten der großen Brokerhäuser die herrschenden Trends. Sie neigen dazu, Aktien auf dem Höchststand nahezu marktschreierisch zum Kauf zu empfehlen und diese dann später, ist es längere Zeit zu Kursverlusten gekommen, nahe der Tiefpunkte mit einem „Verkaufen“ zu versehen. Anleger sollten immer im Hinterkopf behalten, dass es gerade bei einem Gros der Sellside-Analysten zum Job gehört, ihren „Kunden“ Impulse für ihre Geschäfte zu liefern – egal, ob es um Käufe oder Verkäufe geht.

Verwerfungen scheinen übertrieben

Vor allem diese Faktoren sorgen für ein Überschießen der Aktienmärkte – ab einem gewissen Punkt besinnen sich die Anleger dann jedoch wieder auf die fundamentalen Daten. Das könnte in der derzeitigen Phase schon bald passieren. Denn die aktuellen, zum Teil dramatischen Kursrückgänge bei verschiedenen Indizes und Einzeltiteln scheinen eine angstgetriebene Übertreibung zu sein. Die Stimmung an den Finanzmärkten ist mittlerweile so negativ, dass sie sich nach der gängigen Theorie als Indiz für eine baldige Trendumkehr interpretieren lässt.

Nachdem der erhebliche Pessimismus für die Aussichten für das neue Jahr in die Aktienkurse mehr als eingepreist wurde, wachsen unserer Einschätzung nach die Chancen für positive Überraschungen. Die zahlreichen, in den zurückliegenden Monaten geführten Gespräche mit Unternehmensvorständen bestärken uns in dieser Einschätzung – die (zu) niedrigen Bewertungen und die Gewinnaussichten der Unternehmen sowieso.

Die Volatilitäten und die damit verbundenen Verwerfungen dürften allerdings noch eine Zeit lang aufgrund der herrschenden Unsicherheiten hoch bleiben – zumindest so lange, bis der drohende Handelsstreit der USA mit China sowie der anstehende Brexit nicht einvernehmlich gelöst sind. Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich nicht, den Aktienmarkt als Ganzes zu kaufen. Aussichtsreicher scheint eine Auswahl attraktiver Einzeltitel. 2019 wird ein Jahr für Stockpicker. 

Thomas Wukonigg verantwortet bei der Wamsler & Co. Vermögensverwaltung unter anderem das Portfoliomanagement. 

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